Du sitzt im Zug nach Shanghai und hast eine
sechzehnstündige Fahrt vor dir. Plötzlich steigt eine Unruhe in dir auf. Du
weißt nicht woher sie kommt. Deine ganze Gelassenheit ist schlagartig
verschwunden. Du kannst das alles um dich herum nicht mehr ertragen. Die
säuerliche Luft der nahegelegenen Toilette durchsetzt deine Nase.
Du kannst den dir gegenübersitzenden Mann nicht mehr ertragen, da er ständig Schleim in
seinem Rachen hinaufzieht und ihn auf den Boden spuckt. Du beisst die Zähne
zusammen, da dich immer wieder Vorbeilaufende anrempeln, berühren oder auf die
Füße stehen. Du kannst es nicht mehr länger durchstehen, dass die dir schräg
gegenübersitzenden Mädchen so offensichtlich über dich lachen. Das zappelnde
Kind auf dem Schoss der Mutter links neben dir macht dich rasend. Du kannst das
laute Gegackere der Oma nicht mehr ertragen. Du hasst den jungen Mann dir direkt
gegenüber. Er ist zu faul seinen Koffer auf die Ablage zu heben und schränkt
somit deine Beinfreiheit ein. Eine schrille Frauenstimme kuendigt den Verkauf
von Getränken und anderen Kleinigkeiten an. Der Wagen, den sie vor sich
herschiebt, ist nur unbedeutend schmaler als der Flur. Es ist also noch enger,
so dass sich die stehenden Leute zu dir in die Sitzgruppe hineindrängen. Der
Junge dir gegenüber beginnt jetzt zu rauchen und ascht auf den Boden. Die Urin
getränkte Luft wird nun noch mit Zigarettenrauch belastet. Ein Stehender popelt
sich mit seinem fünf Zentimeter langem Fingernagel den Schmalz aus den Ohren.
Eine Sitzgruppe weiter ist eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm. Nachdem die
Mutter das Baby stillte, pinkelt es auf den Boden. Und jetzt auch noch die
Fahrkartenkontrolle. Du durchsuchst alle deine Taschen nach dem kleinen,
rosafarbenen Papierschnipsel. Natürlich wirst du in der letzten Tasche fündig.
Der Kontrolleur will dein Fahrschein aber nicht sehen, weil du Weißer bist.
Schon wieder kodert der Alte auf den Boden, dem lächerliche Härchen aus einem
Muttermahl am Kinn wuchern. Die unerträgliche Ruhe entwickelt sich zu einem
tiefen Hass.
Am liebsten würdest du die Härchen mit einem Feuerzeug ansengen.
Nein, lieber willst du ihm deine Faust ins Gesicht schmettern. Du musst dich
beruhigen. Du versuchst deinen Atem zu spüren. Schon wieder rempelt dich einer
an. Genervt hebst du deine Augenbrauen. Keiner versteht dich oder bemerkt deine
Mimik. Ein Vorbeigehender schlägt dir sein Plastikkoffer ans Knie. Die Oma
gackert hysterisch. Die Mutter steht auf dem Sitz. Das Kind stößt dir in die
Nieren. Du schließt die Augen, damit niemand deine hasserfüllten Augen sehen
kann. Sie würden sonst zu Tode erschrecken.
Plötzlich ist es still.