Ein arabischer Traum

arabischer Traum



„Allahu akbar. Allahu akbar.
Allah ist größer. Allah ist größer.

Ashhadu `an la illaha illa Allah.
Ich bezeuge, es gibt keinen Gott ausser Allah.

Ashhadu `an Muhammad rasul Allah.
Ich bezeuge, Muhammad ist der Gesandte Allahs.

Haiya ala-s-salat!
Auf zum Gebet!

Haiya ala-l-falah!
Auf zum Erfolg!

Allahu akbar. Allahu akbar.
Allah ist größer. Allah ist größer.

La illaha illa Allah.“
Es gibt keinen Gott außer Allah.


Die Gläubigen gehorchten dem Gesang des Muezzins, strömten zur Moschee und überquerten dabei die Straßen, kaum auf den Verkehr achtend. Meist waren es Männer, deren beschränktes Sichtfeld durch die weißen Tücher auf dem Kopf, gehalten von schwarzen Kordeln, zur Moschee strömten. Sie waren bekleidet mit knöchellangen, lose fallenden Gewändern. Vereinzelt mit etwas Abstand folgten Frauen mit langen schwarzen Kleidern. Immer trugen sie einen Schleier oder die Beduinenmaske.
Roman ließ die Ortschaft hinter sich. Der feuerrote Planet stand tief über der Dünenlandschaft. Nur selten sah man noch Kameltreiber am Straßenrand. Er gondelte auf einer vierspurigen und unsinnig beleuchteten Straße mitten durch die Wüste der Emirate. Man konnte an den Sandverwehungen am Straßenrand sehen, dass die Dünen vom Westen her gemächlich wanderten. Stellenweise war der Kamelzaun vom Sand verschlungen.
Eine Geschwindigkeit von 120 km/h ermöglichte ihm es eine Corvette zu überholen. Dem darin sitzenden Scheich schien dies nichts im Geringsten auszumachen. Der Scheich kroch gemächlich die breite Straße entlang. Auch ein 850er BMW-Fahrer vergaß Gas zu geben. Plötzlich drangsalierte ihn ein Porsche Cayenne von hinten und gab Lichthupe. Kaum scherte er vor dem BMW ein, donnerte der Porsche an ihm vorbei. Bald führte die Straße durch das Hajar-Gebirge. Die Straße war umgeben von grausam kahlen Bergen. Es existierten nur wenig dürre Sträucher, an denen Ziegen nagten, sonst nur steiniges Geröll, dessen Oberfläche von der Hitze rot gefärbt war.
In den Bergen kommt es schon mal vor, dass ein Esel ahnungslos auf der Fahrbahn steht.
Blitzartig tat Roman auf die Bremse. Ein Inder mit einem alten Toyota-Jeep zog knapp vor ihm auf die linke Spur. Der Inder fuhr höchstens 70 km/h. Der Sinn des Spurenwechsels konnte er nicht begreifen. Hupend lenkte er rechts am Jeep vorbei. Auch der Inder schien nicht zu begreifen, was in ihn gefahren war.
Hinter den Bergen lag das Emirat Al Fujairah. Als er an einem Kreisverkehr vorbeifuhr, in dessen Mitte eine überdimensionale Schnabelkanne umringt von Teetassen aufgestellt war, dämmerte es bereits. Die Neonröhren hoch oben auf den Minaretten wurden eingeschaltet, so dass die leuchtenden Spitzen sich in den Himmel erstreckten. Plötzlich kam der Mond hinter einer Wolke hervor.
Nicht jeder Autofahrer schaltete das Licht ein, manche fuhren mit Standlicht, Fernlicht oder gar mit den Nebelscheinwerfern. Alles war möglich und wie es schien auch erlaubt.
Es roch nach gegrilltem Lammfleisch. Doch die Restaurants waren leer. Die Einheimischen fuhren mit ihren dicken Wagen vor und hupten ungeduldig, bis ein Kellner, meist ein Gastarbeiter aus Indien oder Pakistan, anmarschierte und die Bestellung aufnahm.
Er betrat den Coffe Shop in dem er mit seinen Arbeitskollegen Bernd verabredet war. Er saß breitbeinig da und paffte genussvoll an seiner Wasserpfeife. Auch die Schachfiguren waren schon aufgestellt.
Sobald der Hausherr Roman sah, stand er auf und führt seine Hand zum Herzen und duckt seine Kopf ehrerbietend, wie das hier eben so üblich ist.
Auch ihm wurde eine Shischa hingestellt.
Bernd eröffnete sogleich die Partie.
Roman inhaliere den mit Apfel aromatisierten Tabak und mache den gleichen Zug, wie Bernd und rücke mit dem Königsbauer zwei Felder nach vorne.
Hinter ihm drängelte sich eine aufgebrachte Gruppe. Es donnerten Karten auf den Tisch. Die Männer brüllten, stritten, zankten und beschimpften sich. Es schien, als ging es um viel Geld. Doch im hektischen Tumult war kein Geld zu sehen. Plötzlich sprangen alle auf, schrieen und herrschten sich an. Roman drehte sich ruckartig um. Ein junger Araber weiste mit der Hand auf ihr Schachbrett. Er sollte sich um seine Angelegenheiten kümmern.
Roman schwenkte seinen Blick zu zwei Greise, die sich über eine Partie Backgammon beugten. Sie schmauchten an der Shisha und ließen sich mit einer Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit von der lauten Gruppe nicht aus ihrer Gemütsruhe bringen. Der eine trug ein rot-weiß kariertes Tuch, dass mit einer Kamelfessel halt auf dem Kopf fand. Bernd bezeichnete die Kordel spöttisch mit Gehirnbremse. Sein Gegenüber hatte ein weißes Tuch kunstvoll um den Kopf gewickelt, wie Sindbad. Ihr Spiel dauerte nicht lange, da tummelten sich schon die ersten Neugierigen um ihren Tisch.
Plötzlich klopfte ihm einer auf die Schulter. Ein symphatisch lächelnder Pakistani mit weißer Gebetsmütze fragte ihn: „London?“
„No, German“, antworte er.
„Ah Germany, good country!“
Er setzt zum Führergruß an „Heil Hitler“ und lacht über beide Backen.
Schon wieder brachte ihn ein Moslem in Verlegenheit. Ihm war bewusst, dass er das freundschaftlich meinte, aber musste er dies ausgerechnet mit dem dunkelsten Kapitel seines Vaterlandes tun?
Roman setzte den Springer nach vorne und saget: „Schach matt!“
Kaum nach dem Bernd zornig die Figuren aufstellte, schritt ein alter Scheich zu ihnen an den Tisch. Mit den Fingern deutete er an, dass er gegen Roman spielen möchte.
Bernd überließ dem Scheich seinen Stuhl. Schwerfällig ließ der Alte sich nieder. Er beugte sich langsam nach vorne über das Brett.
Es wehte ein heißer, trockener Wind von der Wüste her, der ihm die Kehle austrocknete. Selbst die wohltuende Wirkung eines Schlucks Wasser war nur von kurzer Dauer. Es ist ihm nur schwer vorstellbar, wie die Beduinen in dieser menschenunfreundlichen Gegend vor dem Ölboom gelebt hatten.
Roman betrachtete sein Gebetsmahl auf der Stirn. Der Fleck war ein Zeichen von vorbildlicher Frömmigkeit, denn nur der, der wirklich fünf mal am Tag beim Gebet sich bückte und sein Haupt vor Allah ehrfürchtig zur Erde führte, bildete sich die Hornhaut.
Der alte Scheich ließ sich Zeit beim Spielen. Sein Blick verließ nur selten das Schachbrett. Mit viel Glück holte Roman ein Remis heraus.
Zum ersten Mal blickte ihn der Scheich an und lächelte, so dass seine Goldzähne zum Vorschein kamen. Auch sein edles Seidengewand ließ auf seinen Reichtum schließen.
Er gab Roman zu erkennen, dass er morgen nochmals gegen ihn spielen wollte. Er stand auf und setzte sich in den 600er Mercedes, der direkt vor der Tür stand und verschwand.
Roman spielte von nun an regelmäßig mit dem alten Scheich. Sie verstanden sich großartig, obwohl der Scheich kaum englisch sprechen konnte. Es war nicht notwendig mit einander zu reden. Das königliche Spiel vereinigte sie. Eines abends, als Roman den Cofe Shop betrat, wunderte er sich, dass sein Freund nicht schon auf ihn wartete. Er ließ sich auf dem selben Stuhl, wie immer nieder. Der Hausherr schreckte hoch, als er ihn sah. Er kam auf ihn zu, sagte irgend etwas auf arabisch und streckte ihm einen Brief hin.
Augenblicklich knisterte und zischte es. Ein Windstoss blies in die Esse, wo ein Anhäufung von glühender und glimmender Kohle lag. Sofort sprang der bedienstete Inder zurück. Sein Hemd und Hose waren mit reichlich kleinen Brandlöchern bestückt. Sogleich stellte er zwei Hereinkommenden eine Shisha hin.
Der Inder hatte ein Oberlippenbart und einen geleckten Seitenscheitel, wie die meisten seiner Landsleute. Hin und wieder griff er sich ungeniert in den Schritt. Als Roman ihn so beobachte, wippte er mir dem Kopf hin und her, was soviel wie OK bedeuten sollte. Anfangs irritiert ihn diese Geste.
Der Inder stellte ihm ein Shisha und einen Kaffe hin. Roman hat Mühe die zittrige Schrift zu entziffern. Er verstand etwas vom Tod seines Freundes. er legte den Brief weg und zog kräftig an der Pfeife. er atmete den Rauch langsam wieder aus und blickte um sich. Die Anderen um mich herum, schienen längst informiert zu sein.
Roman leerte die Tasse und blickte in den Kaffeesatz. Wieder nahm er den Brief an sich und begann Buchstabe für Buchstabe zu lesen.
Der Brief teilte ihm mit, dass er der alleinige Erbe des alten Scheichs sei. Er sollte zum Notar und die Förmlichkeiten erledigen.
Er inhaliere Rauch und lehnte sich zurück. Er wusste, dass er mindestens einen 600er Mercedes geerbt hatte. Wie reich war er nun eigentlich? War sein Freund etwa ein wohlhabender Ölscheich? Roman stellte sich die Villa nach arabischen Baustil mit all den Bediensteten, wie Gärtner, Köchen usw. vor. Hinterm Haus erstreckte sich ein riesiger Garten mit Dattelpalmen. Vielleicht befand sich hinterm Haus sogar ein Golfplatz. Hoffentlich hinterließ ihm der Scheich auch etwas Bargeld, um die Wasserrechnung zu bezahlen. Im Haus wohnte ein Harem. Unverschleierte Araberinnen, die nicht nur ihre großen Augen zu zeigen gewillt waren. Außerdem ging er davon aus, dass der Scheich nicht immer sein Mercedes fuhr. Ein Geländewagen war das Mindeste, vielleicht hatte er sogar noch einen Oldheimer in der Garage stehen.
Es ist als hätte er im Lotto gewonnen.
Allerdings hatte dies alles zufolge, dass er sich für ein Wüstenleben entscheiden müsste. Will und kann Roman das überhaupt? Besser er verkaufte alles und verschwinde schleunigst nach Europa, irgendwo ans Mittelmeer.
Es quietschten Reifen, die am Nebentisch schreckten auf, vor dem Cafe hielt ein Wagen, ein aus dem Fenster Hängender, Vermummter warf etwas in ihre Richtung, es ertönte ein lauter Schlag, es wurde unerträglich heiß, er wurde vom Stuhl gerissen– plötzlich war alles dunkel.
Schweißgebadet wacht Roman auf.
Er blickte auf seinen Wecker. Pünktlich um 4:48 Uhr morgens rief der Muezzin die Gläubigen zum Gebet. Für ihn bedeutete das noch eine weiter Stunde Schlaf, bevor er zur Arbeit musste. Beruhigt drehte er sich nochmals um und döste weiter.

„Allahu akbar. Allahu akbar.
Allah ist größer. Allah ist größer.

Ashhadu `an la illaha illa Allah.
Ich bezeuge, es gibt keinen Gott ausser Allah.

Ashhadu `an Muhammad rasul Allah.
Ich bezeuge, Muhammad ist der Gesandte Allahs.

Haiya ala-s-salat!
Auf zum Gebet!

Haiya ala-l-falah!
Auf zum Erfolg!

Allahu akbar. Allahu akbar.
Allah ist größer. Allah ist größer.

La illaha illa Allah.“
Es gibt keinen Gott außer Allah.