White Shark Diving



White Shark Diving Ein alter Toyota hielt vor mir an. Ich stieg ein und ab fuhr er von der Kapstadter Waterfront in einen reichen Vorort. Der Fahrer, ein Colored, grinste mich mit seinem breiten Lächeln an. Die vergoldeten Schneidezähne funkelten aus seinem Munde. Es ist schwer zu sagen, welche Nationen in seinem Blut sich verewigt hatten. Ich tippte mal auf malayische Vorfahren, die damals als Sklaven nach Südafrika verschifft wurden. Vor einer Villa mit weitläufigen Gartenanlage hielten wir an. Ein Mann kam heraus. Wir suchten aber eine Frau, wunderte sich der Colored. Ein weißer großgewachsener Bure schritt auf uns zu.

„Passt mir ja auf meine Frau auf.“
Und schon kam sie um die Ecke. Sie war quasi quadratisch: 150 cm groß und 150 kg schwer. Sie stand auf den Zehnspitzen, gab ihren Mann einen Abschiedskuss und stieg hinten in den Toyota ein.
„Hi Jungs, wie geht es euch?“, fragte sie ohne eine Antwort zu erwarten.

Mit quirliger Stimme stellte sie sich als Amerikanerin vor. Es war nicht zu überhören. Gestern hatte sie schon den gleichen Trip unternommen. Auch wenn ich vorher noch nie seekrank geworden war, würde ich es sicherlich heute werden. Mindestens 4 Meter hohe Wogen sorgten für aller Art Bewegung, die man einfach nicht gewohnt sein konnte. Apropos seekrank: Sie kramte in ihrem kleinen Rucksack eine kleine zylindrische Verpackung hervor, ließ zwei Pillen in ihre Hand kullern und schluckte sie ohne etwa mit Wasser nachspülen zu müssen. In einer Stunde beginnt die Wirkung und hält für die nächsten acht Stunden an. Ich sollte besser auch eine nehmen. Man weiß ja nie. Ich nahm eine. Kaum hatte ich sie geschluckt, sagte ich mehr zu mir selber, was denn in mich gefahren sei, von einer Wildfremden eine Pille anzunehmen.

„No problem baby. I gonna take care for you.“

In einem anderen Vorort gabelten wir den letzten Insassen auf, der uns nach Gansbay auf eine Expedition zu einer der letzten natürlichen Lebensräume der weißen Haie begleitete. Er stellte sich als Belgier vor. Ein Kalvin-Kurani-Bart schmückte sein Gesicht. Seine Haare waren rasiert, da er sonst einen Haarkranz tragen würde.

Die Amerikanerin plapperte ununterbrochen. Gestern war sie auch in Gansbay gewesen, doch leider hatte sie keinen einzigen Hai zu Gesicht bekommen.

Sie schwärmt von den Tieren, wie schön und ästhetisch sie seien.
Ich widersprach ihr. Ich fand Haie hässlich und aggressiv. Ich denke an die Bilder, wo sie ihre Mäuler aufreißen. Die Tiere sind einfach nur Kampfmaschinen, wie Pitbulls. Ich finde sie nicht schön.
Woher ich denn meine Motivation nähme einen solchen Trip zu unternehmen, fragte mich die Ami. Ich wusste keine Antwort. In Wirklichkeit, meinte sie, fände ich Haie so hässlich, dass sie mich wiederum faszinieren würden.



Vielleicht würde ich während der Expedition meine Meinung ändern.

Es war eine kurze Zeit Stille.

Der Belgier ergriff das Wort. Er habe eine Studie gelesen, wo das Käfigtauchen den Haien implizierte, dass es da, wo Menschen sich aufhalten auch etwas zu Essen gäbe. Dieser Effekt würde mit dem touristisch zunehmenden Käfigtauchen verstärkt. Es ging sogar so weit, dass die südafrikanische Regierung an einem Gesetz arbeitete, welches diese Art von Freizeitbeschäftigung verbiete. Zumindest wurde erreicht, dass keine Fischkadaver ins Wasser geworfen werden dürfen, um den Hai anzuziehen. Vielmehr musste die Beute an einem Seil befestigt wieder an Bord gezogen werden, bevor der Hai zuschlägt.

Wieder war es still.

Die Ami nutzte die Pause und erzählte, dass sie für ein amerikanisches Tauchermagazin schrieb und deswegen durfte sie heute nochmals unentgeltlich mit. Schließlich brauche sie eine Begegnung mit einem Weißen Hai, um eine Gesichte schreiben zu können.

Gestern, plapperte sie ohne Luft zu holen weiter, war ein junger englischer Mann neben ihr. Er jauchzte, schluckte und gab andere seltsame Töne von sich. Sie habe noch nie einen jungen Mann erlebt, der unter solch einer Panik litt.

Für längere Zeit kramte sie in ihrem Rücksack, während sie sprach. Endlich schien sie es gefunden zu haben. Sie blätterte in einem Magazin und hielt es mir hin. Sieh, diesen Artikel habe ich geschrieben. Mir würde schlecht werden, wenn ich während einer Autofahrt lesen würde, deswegen blätterte ich mich gelangweilt durch das Magazin und schaute mir die Bilder an.

Endlich kamen wir an. Ein großer blondgelockter Bure mit Baseballmütze und Pferdeschwanz stellte sich uns als Kapitän vor. Er trug Gummistiefel und eine schmutzige Tarnfarbenhose. Es sah aus, als kame er gerade aus dem Stall. Er roch jedoch nicht nach Schwein, sondern nach Fisch. Seine Augen versteckte er hinter einer Spiegelglas-Snowboard-Sonnenbrille.

Die Unterwassersicht sei heute nicht sehr gut. Man könne höchstens einen Meter weit sehen. Auch die Windstärke wäre grenzwertig, beinahe sorgenerregend. Selbst bei der morgendlichen Expedition gab es nicht einmal Haie zu sehen.

Nach langem Hin und Her habe er sich trotzdem entschlossen uns mit hinaus ins Tal der Weißen Haie zu nehmen.
Der Kapitän machte uns nicht gerade Mut. Es schien kein Abenteuer zu werden. Wir watschelten ihm wie Enten hinterher zum Hafen hinunter. Ein Kameramann filmte uns, wie wir an Bord kamen. Das kleine Boot bestand lediglich aus einem offenen Raum mit Sitzbänken und einer Ladefläche, wo der Käfig befestigt war. Der Käfig bestand aus einem Metallgitter, wo genau vier Leute hineinpassten. Oben gab es noch ein Deck, wo Nichttaucher das Spektakel von Weitem beobachten konnten.

Der Blondzopf manövriere das Boot gekonnt an Felsbrocken vorbei in die offene See.

Pinguine watschelten auf den Felsen, Robben tollten und Seelöwen streckten ihre Flossen aus dem Wasser.

Kaum hatten wir die Küstenregion verlassen, wurde die See rauer. Das Boot schlug nach jeder Woge hart auf. Man musste sich gut festhalten.

Delfine schwammen neben uns her und sprangen lebensfroh aus dem Wasser.

Einer Engländerin, kreidebleich, schien dies nicht so gut zu bekommen. Ich tippt, sie sei die erste, die sich übergeben musste.

Möven verfolgten uns.

Der Steuermann ging vom Gas. Es schien, als seien wir angekommen. Die Wogen um uns herum bildeten eine hügelige Landschaft.

Die Engländerin musste sich übergeben.

„Sehr gut übergebe dich nur. Das lockt die Fische an“. Gab der Blondschopf von sich, löste den Käfig und ließ ihn sanft ins Wasser gleiten.
Das arme Mädel übergab sich weiter bis wirklich nichts mehr im Magen war. Es schien doch zu helfen, denn sobald der Käfig am Schiffsrumpf befestigt war, tauchte schon der erste Hai auf. Die Flossen aus dem Wasser streckend, Schwänzelte er um das Boot herum. Die Crew jubelte. Die Stimmung unter uns Tauchern war nun gespannt. Die Erwartungen stiegen.



Wir zogen uns Neopren-Anzüge an. Mir wurde als erster ein Bleigürtel umgeschnallt und in den Käfig geholfen. Kaum setzte ich meine Taucherbrille auf. Schrie einer der Crew, dass von links ein Hai käme. Ich holte tief Luft und tauchte unter. Höchstens eine Ellenbogenlänge von meinem Gesicht glitt das Monster entlang. Beeindruckend war die mächtige Ausstrahlung des Raubtiers. Ich konnte dem Tier in die Augen schauen, von Angesicht zu Angesicht. Der Anblick war sehr kalt und gefühllos. Es kam mir vor wie die Fratze einer Gummimaske.
Die andern waren mittlerweile auch im Käfig.
Das Wasser war furchtbar kalt. Vor allem verwandelten sich die Hände zu Eiszapfen, da diese nicht vom Neoprenanzug gewärmt wurden.

Der Blondzopf warf erneut ein Stück Thunfisch ins Wasser. Wir hatten wirklich Glück, denn es tauchte erneut ein 6 bis 7 Meter langer Hai auf. Er konnte die Beute nicht schnell genug wegziehen. Der Kaltblüter war schneller. Mit dem Fischfetzen zwischen den Zähnen verweilte er einen Augenblick vor uns.

Man konnte deutlich seine großen Kiemenspalten sehen. Und wenn man genug Mut gehabt hätte, hätte man durch die Eisenmaschen greifen können und seine großen Brustflossen anfassen. Der Bure wiederholte das Spiel wieder und immer wieder.

Plötzlich tauchte wieder ein Hai auf, dieses Mal testete der Einzelgänger die Beute nur an. Der Südafrikaner zog das Lockmittel Richtung Käfig. Der Hai sprang auf den Schutzkäfig und biss eine Armlänge vor meinem Gesicht zu. Ich konnte ihm quasi ins Maul gucken und seine scharfen Zähne betrachten. Mir war so als würden sich die Augen beim Zubeißen einwenig in die Augenhöhlen zurückziehen.

Die nächste Szene ereignete sich zum Glück nicht auf meiner Seite des Zwingers. Wieder wurde der Köder vor dem Hai weggezogen. Dieses Mal blieb die Thunfischflosse am Käfig hängen, genau da wo die Ami stand. Der Hai verbiss sich in den Eisenstangen unserer Schutzeinrichtung.

Es war wirklich unheimlich. Ich war froh, dass die Expedition zu Ende ging. Man sah den Weißen Hai und den auch noch in Aktion. Doch irgendwie war man zu nahe dran, um registrieren zu können was da eigentlich geschah.

Wenn man im Fernsehen einem Hai ins Maul schaute, könnte man das ja noch realisieren. Doch bei einer wirklichen Begegnung schüttet der Körper so viel Adrenalin aus, dass man gar nicht mehr bei Sinnen ist. Ja man befindet sich im Rausch der körpereigenen Drogen.

Die Engländerin war nicht im Wasser. Sie umarmte noch immer die Schiffswand. Ihre Gesichtsfarbe tentierte in Richtung grau-grün.
Keinem von uns war zum Lachen zumute.

Während der Heimfahrt war es relativ still im Auto. Auch die Ami hatte ihr Redebedürfnis schon bei der Hinfahrt gestillt. Sie schien etwas geschockt, aber zufrieden. Ich wollte sie nicht aus der Stimmung reißen und dachte für mich, dass ich den weißen Hai nach wie vor hässlich fände. Die Expedition konnte mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ohnehin, wollte ich dieses Abenteuer nicht mehr wiederholen. Einmal in seinem Leben einem Weißen Hai von Antlitz zu Antlitz in die Augen zu schauen genügt.