Berlin die Stadt der Paraden


Angefangen hat es mit dem Militärstaat Preußen, als der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm 1 sein mächtiges Heer marschieren ließ. Mit blauen Uniformen, ritt die Kavallerie, stolz hoch zu Rosse. Auch die Infanterie formte sich zu einer Parade. Sogar die Artillerie erhielt durch den Drill eine Beweglichkeit, daß sie in der Lage war zumindest kleine Geschütze an der Waffenkammer des Zeughauses vorbei zum Stadtschloß zu bewegen. Am Schloß stand dann der Soldatenkönig mit seinem ständigen Gefährten - seinen Stock, mit dem er auf alles einprügelte, was ihm mißfiel.
Nachdem Zusammenbruch Preußens marschiert Napoleon in Berlin ein und ließ sein Truppen durch das Brandenburger Tor paradieren. Und weil ihm das so gut gefiel, nahm er gleich die Quadriga nach Frankreich mit.
Kurz vor dem 1.Weltkrieges hielt Wilhelm 2 mit dem Monokel im Auge Säbel rasselnde Paraden mit Soldaten, deren Köpfe mit Pickelhauben geschützt waren. Seine verkrüppelte Hand versteckte er stets bei der mächtigen Zurschaustellung. Bald folgte Hitler, der die Wilhelmstraße zu einer Paradenstraße machte. Er baute sich extra einen Balkon an die Reichskanzlei, um die regelmäßig aufmarschierenden Verbände zu bewundern. Die Paraden demonstrierten das zurückeroberte Selbstbewußtsein des deutschen Volkes nach der Kriegsniederlage.
Und wieder paradierte sich das Volk in einen Krieg. Den Soldaten, die sich zum Krieg aufmachten wurde Freude jauchzend zugejubelt. Diese Mal ging es in einen modernen, totalen Krieg.
Lange gab es nun keine Paraden mehr. Das Wort "Parade" mußte aufgrund historischer Ereignisse geändert werden. Man übernahm einfach das Wort "parade" aus dem Englischen.
Erst 1989 gab es wieder eine Parade, wo 150 Menschen über den Ku'Damm zogen, Dr. Mottes Geburtstag feierten und zugleich nach dem Motto "Friede" (für Abrüstung), "Freude" (für eine bessere Völkerverständigung) und "Eierkuchen"(Für die gerechte Verteilung von Nahrungsmittel), demonstrierten.
Man paradiert nun seinen Körper und demonstriert gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Liebe ist das Motto, das alles Böse zunichte machen soll.
Nun frönte kein Staatsmann mehr auf einem Balkon stehend über der Masse, höchstens der mit Ecstasy berauschte Dr. Motte, kann von oben beobachten, daß sich jeder lieber selber auf den Bizeps schaut. Der Massenzusammenhalt löste sich auf und jedes Individuum hat nun Anrecht auf seine eigene Originalität.. Die vielen Menschen marschieren nun auch nicht mehr mit Disziplin, sondern sie tanzen mit bunt-gefärbten Haaren. Die Atmosphäre wird nun nicht mehr durch die im Gleichschritt marschierende Knobelbecher bestimmt, denn die steifen Uniformen wurden durch den Körperkult ersetzt, so daß nun schwitzende und nackte Oberkörper sich im Takt der Musik bewegen. Das Säbelrasseln und das Kanonendonner wurden ersetzt durch hohe Frequenzen von zehntausende Trillerpfeifen und langsam fahrende LKWs, von denen monotone Techno-Rhythmen über Subwoover in die vibrierende Menge hinausgeschleudert werden. Eine Million Besucher beteiligen sich am Rausch der Massen und am Niedertrampeln der berliner Grünflächen. Die Medien berichteten sogar darüber, wie Schutzleute in Mitten des Tiergartens ein Kamerateam bei Pornodreharbeiten ertappten.
Das Glitzern einer Parade wurde mit dem Sinn einer Demonstration gefüllt. Damals durften nur die "Wessis" zur Loveparade kommen, weil die Mauer noch stand. Aus dem Motto "Friede - Freude - Eierkuchen" wurde: "The Future Is Our" und die Teilnehmerzahl stieg auf 2000 Menschen an. Während des Bosnienkrieges wurde getanzt unter dem Motto "Peace On Earth". Zu "Let The Sun Shine In Your Hand" kamen bereits 20.000 Leute und als "Music Is The Key" entwickelte sich die Veranstaltung zu einem Massenauflauf von 2 Millionen Ravern.
Daß die Loveparade wirklich politisch ist, erkennt man vielleicht am besten daran, daß es eine Gegendemo gibt. Die Fuckparade demonstriert gegen Verblödung und Kommerz. Viele anderen Paraden bestimmen das Stadtbild. Bei der Hanf-Parade zum Beispiel demonstrieren minderjährige Bongkiffer oder Emanzen, die Kombination Wollpulli und Birkenstock-Sandalen bevorzugen, für die Legalisierung von Marihuana und Haschisch.
Auch der Jesustag verkam in Berlin zu einer Parade. Viele friedliche Christen bezeugten ihren Glauben an Jesu Christi, in dem sie Schilder emporhoben auf denen Sprüche wie "Jesus liebt mich" standen. Ein andere warb mit dem Spruch " Jesus ist schwul".
Apropos schwul, da ist ja noch die Christoper-Street-Parade. Dort fahren die üblichen, mit großen Lautsprecher bepackten, Wagen durch die mit Menschenmassen übersäten Straßen. Der Anlaß dieser Parade soll ebenfalls eine Demonstration sein, aber dieses Mal für die Gleichberechtigung Homosexueller.
Die Musik ist nicht ganz so monoton und es hängen weniger aufreizende Frauen ihre Brüste die Wagen hinunter. Es scheint als seien die Bodybuilder gefühlvoller, die tanzend über der Menge ragen.
Auf der Ladefläche eines Lasters, der südamerikanischen Salsa spielt, tanzen mit Busen bestückte Latinomänner, die nicht durch ihre femininen und schlanken Körper, sondern nur durch die Ausbeulung des engen Tangaslips ihre Männlichkeit verraten. An einer anderen Straßenecke stehen hübsche Frauen, denen an diesem Tag weniger Beachtung geschenkt wird als sonst. Die Gay-Parade macht den männlichen Körper zum Sexobjekt. So kommt es vor, daß man männliche Blicke entdeckt, die an gleichgeschlechtliche Unterleiber hängen bleiben, wobei die bildhübsche Blondine übersehen wird.
Ich sah sogar, wie die Polizei einen Glatzkopf mittleren Alters vom Wagen herunter zieht. Er hat wohl gegen die Sittlichkeit verstoßen. Als die Polizei ihn nun mit den Händen auf dem Rücken an einen Mannschaftswagen drückte, bedeckten sie zugleich sein entblößtes Geschlechtsteil mit einer blauen Mülltüte.
Nun wurden also Demonstration und Parade im selben Zusammenhang benutzt. Sie scheinen untrennbar zu sein im Anbetracht der neuen Jugendkultur zumindest.
Auch der erste Mai in Kreuzberg darf als Demonstration und Parade bezeichnet werden, weil dort vegane Randalierer und alkoholisierte Punks, alle Jahre wieder und ohne großen politischen Hintergrund, Steine schmeißen, Luxuslimousinen in Brandt setzen, Läden plündern oder einfach nur Katz und Maus mit der Polizei spielen. Das Motto von dieser Zusammenkunft ist nicht eine Demonstration für die Liebe, für die Legalisierung weicher Drogen oder für die Toleranz gegenüber Homosexuellen, sondern es ist ein Nachtrauern der früheren Studentenbewegungen oder ein verzweifelter Versuch etwas an der Gesellschaft zu ändern.