Ein kleines buddhistisches Bekenntnis

Der Geruch von verbranntem Menschenfleisch in Varanasi bescherte mir die Muße zur völligen, geistigen Versenkung.
Meine Wege trennen sich nun von Tanjas, da ich nach Bodhgaya pilgere, wo einst Siddharta, der Sohn eines Brahmanen, am Ufer eines Flusses meditierte und aus dem ewigen Rad der Reinkarnation austrat, um in das Nirvana zu gelangen.
Da Bodhgaya heute der zentrale Punkt des internationalen Buddhismus ist, benötige ich nur wenig Zeit, einen geeigneter Ort für meine geistige Versenkung zu finden.
Unter den vielen Klöstern aller Herren Länder entscheide ich mich für das Dhammabodhi Vipassana Meditation Center.
Ich lasse mich von einem Rikschafahrer dort hinausfahren, da das Meditatons-Zentrum etwa 5 km außerhalb der eigentlichen Stadt ist. Als der Rikschafahrer mir ein Zeichen gibt, da?wir nun angekommen sind, will ich ihm am liebsten den Befehl geben, mich wieder zurückzubringen.
Das weitläufige Grundstück ist komplett eingemauert und das Tor gleicht dem von Ausschwitz. Anstatt des Spruches: " Arbeit macht frei " ist dort das ewige Rad der Reinkarnation angebracht.
Ein uniformierter Aufpasser öffnet mir die Pforten, so da?ich eintreten kann. Ich setze mich auf eine Veranda, auf der bereits einige andere Interessierte sitzen.
Nun lese ich mir die Regeln durch, die hier unbedingt eingehalten werden müssen, damit ich sie signieren kann. Die Kursdauer beträgt zwölf Tage. Verboten ist jeglicher sexueller Kontakt, Alkoholtrinken, Drogen, Zigarettenrauchen und sogar das Sprechen, Lesen und Schreiben. Ich nehme hiermit ein zehntägiges Schweigegelübde auf mich.
Nun warten wir mit Spannung, bis es endlich losgeht. Mit der Zeit nervt die Warterei. Man kann beobachten, wie jeder der Teilnehmer aufgeregt auf- und abläuft. Ich bekomme es sogar mit der Angst zu tun, da ich mir überlege, ob meiner Psyche eine solche Behandlung gut tut. Mu?es denn überhaupt sein?
Endlich geht es los. Wir werden nochmals mit den Regeln vertraut gemacht und dann wird jeder seiner unheimlichen Hütte zugewiesen. Die Hütte besteht aus einem Raum mit zwei mit Moskitonetzen überspannten Betten und einem Bad. Es gibt etwa 20 solcher kleinen Hütten auf ca. 5 Hektar verdorrtem Land.
Anschließend werden wir in die Dhamma Halle geführt, in der genau für jedes Mitglied ein Sitzkissen aufgereiht ist. In dieser großen und leeren Halle soll der hauptsächliche Teil des Kurses stattfinden. Die Sitzkissen, Weiblein und Männlein getrennt, zeigen alle in die gleiche Richtung. Dort sitzt der Guru. Eine in bunten Tücher eingewickelte Frau mit geschlossenen Augen.
Der Guru läßt uns ewig warten, bis sie dann einfach nur die Starttaste eines Kassettenrecorders drückt. Aus dem 60-Watt-Trageradio tönt ein schrecklicher Gesang. Eine tiefe Stimme, die sich immer wieder überschlägt. Später erfahre ich, da?die Sprache des monotonen Gesangs eine alte, nicht mehr gesprochene, indische Sprache ist, die damals zu Lebzeiten Buddhas gesprochen wurde. Diese geheimnisvolle Stimme weist uns in Hindi-Englisch darauf hin, da?wir unsere Aufmerksamkeit nun auf das Dreieck, das die Nase mit den Oberlippen bildet, richten sollen. Die Tonqualität ist so schlecht, da?man die Botschaft kaum versteht. Die Kassette endet wieder mit dem monotonen Gesang. Nun gibt es keine weiteren Anweisungen mehr und ich sitze mit verschränkten Beinen auf meinem Sitzkissen und konzentriere mich auf das beschriebene Dreieck.
Ich erlerne nun Schritt für Schritt die Meditationstechnik des Vipassana. Am zweiten Tag konzentriere ich mich ebenfalls auf das Dreieck, das die Nase mit den Oberlippen bildet. Dieses Mal jedoch setze ich meine ganze Kraft ein, nur den Stellen Aufmerksamkeit zu schenken, die nur leicht vom Atem berührt werden.
Zum Einen verliert der Atem seinen normalen Rhythmus, wann immer eine Negativität im Geiste auftaucht, dann wird der Atem härter und unruhiger. Zum Anderen beginnen auf subtiler Ebene Vorgänge im Körper abzulaufen, die sich als diese oder jene Empfindung wahrnehmen lassen. Jede Beunruhigung des Geistes ruft die eine oder andere Empfindung im Körper hervor. Der Atem und die Empfindungen im Körper, beide stehen in direktem Zusammenhang mit den geistigen Unreinheiten. Der dritte Tag hat die Aufgabe, die Konzentration des Geistes zu bündeln. Die Konzentration gilt jetzt nur noch der Oberlippe, wie sie vom Atem angeregt vibriert und pulsiert.
Mehrere Stunden beobachte ich die Sinnesempfindungen in meiner Oberlippe und bemerke, wie sie kommen und gehen, was mit dem buddhistischen Gedanken der Vergänglichkeit und Impermanenz des Lebens zu vergleichen ist. Plötzlich bildet sich aus der heißen und pulsierenden Oberlippe ein weiches Licht. Um so mehr ich der neuen Empfindung Beachtung schenke, um so mehr gewinnt sie an Bedeutung und Energie. Das Licht wird heller und greller. Das energiereiche und intensive Licht breitet sich nun aus. Mein gesamter Körper wird damit erfüllt, bis ich nur noch aus einer einzigen grell-weißen Energiequelle bestehe.
Ein leichter Gongschlag bringt mich wieder zurück in die Realität, der eine Pause signalisiert. Jedoch ist diese, jetzt erreichte Realität, eine andere, denn ich schreite flammend im Garten umher. Jeder Zweig eines jeden Baumes hat teil einer Ekstase. Jeder Stein liegt bedeutungsvoll neben seinem Schatten. So schön, so tief und so liebenswert ist die Welt noch nie gewesen.

In den drei einführenden Tagen gelingt es mir, meinen Geist zu schärfen, so da?er nun mit einem Laser zu vergleichen ist. Auf diese Vorarbeit aufbauend, beginnen wir nun mit der eigentlichen Technik. Angefangen am höchsten Punkt des Kopfes, beginne ich nach Anweisungen des Gurus, systematisch und penibel genau den vollständigen Körper, mit Hilfe der laserscharfen Konzentration, abzutasten. Erst von der Mitte der Schädeldecke bis zu den Fußspitzen und danach umgekehrt. Immer wieder streiche ich mit meinem geschärften und feinfühligen Geist durch meinen Körper.
Hier beginnt ein Weg zu neuen Vorstellungsgärten und Bilderwäldern. Mit weiten Flügeln fliegt mein Geist durch die Bezirke meiner inneren Welt, wieder und immer wieder - Stunden - Tage. Nun aber mit dem Strahl des Wissens, mit der Erleuchtung tritt auch hier plötzlich Ordnung, Sinn und Formung in das innere Chaos ein.

Schöpfung begann - Leben und Beziehung springt von Pol zu Pol.

Die Worte "try to understand the law of nature" klingen in angenehmen und wohltuenden Schwingungen durch die Dharmma Halle.
Dies ist es, was Buddha lehrte: eine Kunst zu leben. Er gründete keine Religion, lehrte keinen "Ismus". Er wies seine Schüler niemals an, irgendwelche Rituale oder leere Zeremonien auszuführen. Stattdessen lehrte er die Natur zu beobachten, wie sie ist, indem man die Realität in sich selber betrachtet.

Plötzlich erklingt wieder der Gong. Dieses Mal war er lauter und härter. Ich öffne meine Augen, um zu sehen, was geschehen ist. Nun sehe ich, wie der Guru zum ersten Mal die Augen öffnet. Langsam steht sie auf, beendet das lange Schweigegelübde und verläßt den Raum.
Alle sitzen wir noch einen Moment desorientiert und zerstreut über das Gesagte auf unseren Sitzkissen. Draußen beginnen wir, uns zaghaft zu unterhalten. Es ist schwer, mit Leuten Gespräche zu führen, die tagein tagaus mit gesenktem Kopf an mir vorbeiliefen, da wir ja nicht miteinander kommunizieren durften. Auch die zehntägige geistige Versenkung macht nun jedes Wort und alle Reden unwichtig und sinnlos.

Ich ziehe mich zurück, packe meinen Rucksack und lasse mir von dem Uniformierten das Tor öffnen. Meine wiedergewonnene Freiheit genießend, laufe ich den weiten Weg zurück, der mich zwölf Tage von der Zivilisation und der Außenwelt trennte. Mich über die eigenartige Vegetation wundernd, wandere ich an armseligen Hütten vorbei, bis ich endlich vor dem Wahrzeichen Bodhgayas stehe: eine 35 Meter große Buddhastatue, eben die größte und mächtigste der Welt. Und ich stehe nun davor mit dem neu Erlernten, die Gipfelung meiner ganzen indischen Erfahrungen:

Es gibt nur eine Weisheit, nur einen Glauben, nur ein Denken - das Wissen von Gott ist in mir.