Die Grosse Mauer



Ich oeffnete langsam die Augen. Wie vom Blitz getroffen, fuhr ich auf, als ich wahrnahm, dass der Wecker auf halb zwoelf stand. Eigentlich wollten Rudi, Matthias und ich frueh aufstehen, um die Grosse Mauer aufzusuchen.
Jedoch das gleichmaessige Ticken des Weckers vermisste ich. Der Sekundenzeiger stand still. Der Blick aus dem Fenster verriet mir, dass es noch frueh genug war, um mit dem Tag etwas anzufangen.
Wir erfuhren von einer Moeglichkeit zur Grossen Mauer zu fahren, ohne von Besuchermassen erdrueckt zu werden oder ohne den Tag hauptsaechlich in Souvenirshops zu verbringen.
Die chinesische Regierung baute die "Industrie ohne Rauch", so wie hierzulande der Tourismus genannt wird, schrittweise auf. Alle kulturellen Denkmaeler oder Naturschauspiele sollten darin erschlossen werden. Ich bin enttaeuscht von der Kommerzialisierung des "kommunistischen Chinas" und den Touristenstroemen, die durch bedeutende Sehenswuerdigkeiten geschleust werden. Dieses Mal soll es aber anders werden. Um wenigstens ein bischen Individualitaet beizubehalten, organisiert man die Fahrt an sein naechstes Reiseziel besser selbst.
So kaempften wir uns an geldgierigen Veranstaltern und Reiseargenturen vorbei zu einem Bus, in dem bereits einige Einheimische sassen. Wir hatten Glueck, dass jeder von uns einen Sitzplatz ergattern konnte. Ich setzte mich neben einen alten Mann. Er begann mit mir zu reden. Schnell erreichte er das Ende meiner chinesichen Sprachkompetenz. Als er dies bemerkte, kritzelte er Schriftzeichen auf einen Schmierzettel. Es gelang ihm tatsaechlich, dass ich ihm eine Frage mehr beantworten konnte. Es lag nicht daran, dass ich die Schriftzeichen entziffern konnte, sondern dass er langsam Wort fuer Wort seine Frage vorlass. Schon des oeffteren fiel mir auf, dass bei Kommunikationschwierigkeiten unter Chinesen, die teilweise doch sehr unterschiedliche Dialekte sprechen, auf die Eindeutigkeit der Schriftzeichen zurueckgegriffen wurde.
Wir stiegen aus dem Bus, worauf uns gleich mehrere Taxifahrer drangsalierten. Auch ein israelisches Paearchen stand inmitten von sich zankenden Taxifahreren. Ein grosser und breiter Chinese mit einem finsteren Gesichtsausdruck unterbot alle, bis jetzt verhandelten Preise. Wir folgten ihm. Seine Millitaerhose und sein kraftvoller Gang implizierte in mir ein Gefuehl von koerperlicher Unterlegenheit.
Rudi, Matthias, das israelische Paearchen und ich passten in sein klappriges Taxi und fuhren los.
Waehrend wir eine kurvige Strasse entlang fuhren, die sich um runde Berge schlaengelte, brach ich das Schweigen. Ich fragte den Israeli, wie es denn komme, dass er in der derzeitigen Kriesensituation im Nahen Osten nicht gegen Palaestinenser kaempfe. Vielleicht klang der Satz zu vorwurfsvoll oder er wurde auf seiner Chinareise zu oft auf den heimischen Konflikt aufmerksam gemacht, dass er mich genervt anblickte. Er verbringe gerade seine Flitterwochen, schnauzte er mich beinahe an. Schuetzend legte er seinen Arm um seine huebsche Ehefrau.
Seinem Blick ausweichend, schaute ich wieder aus dem Fenster und betrachtete die Landschaft, deren Bergkuppen sich im Dunst verirrten. Die bewachsenen Berge schienen in den Himmel ueberzugehen. Es war keine klare Kontur zwischen Weltlichem und Himmlischen auszumachen.
Auf einmal tauchte die Grosse Mauer auf, die sich ueber den charaktervollen Landstrich hinzog. Am dunstigen Horizont verschwand auch die Mauer. Es wirkte, als verbinde das maechtige Bauwerk Himmel und Erde.
Das Taxi hielt an der Stelle an, an der die Grosse Mauer die Strasse beruehrte. Im Aussteigen fragte uns der finster dreinblickende Fahrer, wann er uns hier wieder abholen solle. Ich erwiderte, dass wir vielleicht in drei oder vier Stunden wieder zurueck kaemen und schlug die Tuer hinter mir zu.
Da war sie nun, die 6000 Killometer lange Mauer mit der die Chinesen ihr Reich vor den Mongolen und den Hunnen schuetzten. Dieser Mauerabschnitt hingegen war verwildert. Niemand nahm sich an dieser Stelle der aufwendigen Renovierarbeiten an. Der Vorteil daran war, dass die chinesische Regierung dort auch nicht die Touristenstroeme aus dem nahegelegenen Peking lenkte. Wie es sich bald herausstellte, gab es einige Touristen. Es war aber eine andere Preisklasse an Touristen. Es handelte sich um junge, abenteuerlustige Reisende, die genau wie wir, versuchten abseits der fuer den Massentourismus erschlossene Wege sich zu bewegen.
Noch vor dem Erreichen der Grossen Mauer trafen wir zwei florentinische Frauen, die uns von zwei Eintrittsgeldern verlangenden Maennern berichteten. Als Frauen kaemen sie alleine nicht an den Maennern vorbei. Sie schlossen sich uns an.
In einer Gruppe von sieben Leuten marschierten wir einfach an den beiden alten Maennern vorbei. Bereits nach fuenfhundert Metern stellte sich uns ein riesiger Bauer in den Weg, der mich an einen derben Hunnen erinnerte. Mir fiel auf, dass im Norden des chinesichen Reiches die Maenner einiges groesser waren, als im Sueden, wo mein Kopf stets die Masse ueberragte. Hier jedoch wirkte ich vor manchen Erscheinungen klein und schmaechtig. Auch der Gesichtsausdruck eines Nordchinesen unterscheidet sich von dem lieblichen Grinsen der Suedchinesen.
Um den riesigen Bauer herum gackerte eine Frau, die von uns 2 Yuan (50 Pfennige) pro Kopf haben wollte. Wir versuchten, wie gerade eben auch, an dem staemmigen Mann vorbei zu kommen. Der Bauer, der uns eine braungebrannte und vernarmte Visage uns trotzig entgegenstreckte, hinderte uns am Passiern. Rudi und der Israeli stiess er brutal zurueck, weil diese mit Gewalt versuchten an ihm vorbei zu kommen.
Als der Israeli bemerkte, wie eine der Italienerin den Geldbeutel zueckte, schlug er uns vor, dass wir vier Maenner den Riesen besiegen koennten. Es war uns aber keine 50 Pfennige wert, sich mit dem Bauern auf einen Kampf einzulassen. wir versicherten uns bei der Frau, dass wir fuenfhundert Meter weiter nicht nochmals zur Kasse geboten wuerden. Sie reichte uns die selbstgemachten Papierschnipsel, die als Eintrittskarten dienen sollten. Waehrend wir bezahlten, stichelte der Israeli uns mit der Frage, ob wir jedem der groesser sei als wir und sich uns in den Weg stellte unser Geld geben wuerden. Es half nichts auch er bezahlte und folgte uns.
Einige Meter weiter bekletterten wir das maechtige Bauwerk, welches sich die steilen Berghaenge hinaufwand. Die verwilderte Mauer war so verkommen, dass sogar Baeume auf ihr wuchsen. In ihrer Mitte war das Laufen jedoch moeglich.
Wir erblickten einen Wachturm. Rudi, der vorausgegangen war, sprang mir entgegen. Er berichtete, dass dort am Wachturm der Naechste uns Geld abknoepfen wolle. Als Rudi keine Anzeichen machte zu bezahlen, stiess der Abzocker die Leiter weg, die man zum Erklimmen des Turmes benoetigte.
Wir naeherten uns einem zaehen Mann, dessen einzelne Rippen und auch Muskelstraenge zu sehen waren. Irgendwie erinnerte er mich an Bruce Lee. Wir mussten den Wachturm Passiern, um weiter die Mauer entlang wandern zu koennen. Es war nicht moeglich drumherum zu klettern.
Es schien als erkannte er Rudi wieder und entschuldigte sich mehrmals, da wir zu Dritt vor ihm standen. Ich streckte ihm den selbstgemachten Paierschnipsel hin und versuchte ihm begreiflich zu machen, dass wir die 2 Yuan, die er von uns verlangte, bereits bezahlt haetten. Bald merkte ich, dass dies eine Geldquelle fuer arbeitslose Bauern war, sich auf die Grosse Mauer zu stellen und Wegzoll einzutreiben. Es gab also wieder zwei Moeglichkeiten. Entweder wir erkaempften uns unseren Durchgang und hofften, dass im Wachturm sich keine weiteren Komplizen aufhielten oder wir bezahlten erneut die 50 Pfennige. Matthias streckte ihm 6 Yuan hin, worauf er sich vor uns liebevoll verbeugte. Im Inneren des Wachturms lehnte eine Leiter an der Wand, deren Sprossen Aeste waren, die mit rostigem Eisendraht an zwei Holzstangen befestigt waren. Diese Leiter kletterten wir hinauf.
Ploetzlich ertoente ein lautes Geschrei. Schnell blickte ich von oben hinunter und sah, wie der waghalsige Jude sich mit dem Bruce-Lee-Abbild anlegte. Die Rettung des geizigen Israelis war seine frisch Angetraute, die ihn vor dem wuettenden Chinesen beschuetzte.
Es half nichts der Israeli bezahlte.
Er kletterte zu uns hinauf und sagte, dass drei Israelis sich dies nicht gefallen lassen wuerden. Ich wuenschte ihm angenehme Flitterwochen und stieg die Leiter wieder hinunter.
Wir kletterten die Grosse Mauer weiter entlang. Vor dem naechsten Wachturm war es moeglich die Mauer zu verlassen und einen schmalen Pfad durch dorniges Gestruepp zurueck zum Dorf zu nehmen. Wir verzichteten auf den naechsten Abzocker, der sich wahrscheinlich im naechsten Nadeloer, naemlich dem naechsten Wachturm, befand. Wir hatten genug gesehen.
Der schmale Pfad fuehrte uns zu Lehmterassen, auf denen verschiedenes Obst angebaut wurde, wie zum Beispiel die asiatische Birne. Diese gleicht vom Aussehen her einem Apfel und schmeckt nach Birne.
Nach dem wir durch ein Maisfeld maschierten, wo hier und da zwischen den Pflanzen Grabsteine auftauchten, erreichten wir das Dorf.
Einer der ersten Haeuser signalisierte mit drei roten Laternen am Eingangstor, dass es sich um eine Gaststaette handelte. Als wir in den Innenhof liefen, wurden wir auch gleich von einem jungen, noch mit Schlafanzug bekleideten Frau gefragt, ob wir etwas essen wollten. Obwohl wir die einzigen Gaeste waren, stimmte wir zu. In einem leeren Raum, um einen runden Tisch mit drehbar gelagerter Platte sitzend, bestellten wir mit Hilfe unseres Sprachfuehrers einige Speisen. Normalerweise bestellten wir, in dem wir auf die Speisen des Nachbartisches zeigten. Dies war hier aber nicht moeglich.
Zehn Minuten nach unserer Bestellung kam die Oma mit einem gackernden Hahn an, den sie an den Fluegeln festhielt. Das Schweinefleisch, dass wir bestellt hatten, war ausgegangen. Sie deutete an, dass sie den Hahn fuer uns zubereiten wuerde. Sie signalisierte dies mit der Gestik, ihm die Kehle durchzuschneiden. Wir willigten ein. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Tochter auftischte. Sie stellte jedem eine kleine Schuessel, ein Unterteller, Essstaebchen und einen Loeffel hin. Auf der Drehplatte servierte sie Gemuese und eine Suppe. Als wir die Suppe genauer inspizierten, entdeckten wir den Hahn von vorhin wieder. Bis auf die Brust und die Schnekel waren jegliche Bestandteile des Hahnes in der Suppe zu finden. Matthias ass das Herz und die Leber, Rudi fand die beiden blassen Fuesse und ich fischte gar den Kopf aus dem Sud. Dazu gab es Ruehrei mit Tomaten und saftigen Shanghaikohl mit aufgeweichten Trockenpilzen. Nachdem wir restlos alle Fleischbestandteile aus der Suppe verzehrten, bezahlten und gingen wir.
Sobald wir auf der Strasse standen, kam auch schon ein Minibus angesaust, der mit zwei grossen Schriftzeichen ankuendigte, dass er in die "Hauptstadt des Nordens" -also nach Peking - fuhr. Wir hielten den Bus an und stiegen ein. Beim Einsteigen blickte ich die Strasse hinunter und entdeckte das israelische Paearchen und den furchteinfloesenden Taxifahrer, der uns hierher gebracht hatte. Sie winkten mich zu sich. Da der Bus billiger war, schenkte ich ihnen keine Beachtung und stieg zu. Der Bus wurde einige hundert Meter weiter vom Israeli gestoppt, der ebenfalls einstieg. Der Bus blieb aber stehen. Als ich von meinem Sitz hervorblickte, sah ich das finstere Gesicht des Taxifahrers vor der Windschutzscheibe des Busses.
Ploetzlich begann der Taxifahrer hysterisch zu schreien, weil wir nun alle im Bus sassen und er leer ausgehen sollte. Er stieg ebenfalls in den wartenden Bus, baute sich vor mir auf und bruellte mich auf chinesisch an.
Ich verstand kein Wort, jedoch die heftige Gestik und das schmerzverzerrte Gesicht des Riesen war aussagekraeftig genug. Ich wartete darauf, dass er sich wieder abregte und mit seinem Schicksal abfinde. Er blieb aber in Rage.
Der Bus stand noch immer und der genervte Busfahrer gab mir ein Zeichen den Bus zu verlassen. Ich sah dies aber nicht ein und blieb sitzen.
Der Taxifahrer gab einfach nicht auf und gestikulierte wild mit seinen kraeftigen Armen vor meinem Gesicht. Er schien immer naeher zu kommen. Meine Rettung war der Israeli, der sich einschaltete. Er versuchte die Lage zu beruhigen, welches ihm auch gelang. Der Israeli fragte irgend einen Fahrgast, wieviel die Busfahrt denn kosten wuerde. Als er erfuhr, dass die Fahrt 4 Yuan pro Person koste, handelte er den nach Luft schnappenden Taxifahrer von 5 Yuan auf 4 Yuan pro Person herunter.
Wir folgten dem kraeftigen Schritt des Riesen zu seinem Taxi. Alle fuenf setzten wir uns wieder hinten hinein. vorne sass seine Frau, die ein weinendes Kind in den Armen wog. Wir fuhren also fuer den gleichen Preis, den uns die Busfahrt gekostet haette, in die benachbarte Stadt.
Dort wartete auch schon der Bus nach Peking. Im Bus liess ich mir nochmals alle Geschehnisse durch den Kopf gehen. Ich war froh bald wieder im zivilisierten Peking zu sein, wo nicht irgendwer sich mir in den Weg stellt und Wegzoll verlangt oder Taxifahrer die Busse anhalten, um sich ihre Kunden zu holen.
Als wir endlich in Peking ankamen, besuchten wir den Seidenmarkt. In dem bunten und hektischen Treiben kauften Rudi, Matthias und ich jeder eine Roleximitation fuer 30,-DM. Doch kurz bevor wir schlafen gingen, musste Rudi feststellen, dass der Sekundenzeiger seiner neuen Armbanduhr stand.