
Tehran 19. Januar 2005
„Willkommen in Tehran. Es ist 1:25 Uhr Ortszeit. Und für alle mitreisenden Frauen ist zu beachten, dass sie ein Kopftuch
tragen bevor sie das Flugzeug verlassen. Dies ist Gesetz in der Islamischen Republik Iran. Wir bedanken uns bei Ihnen,
dass sie sich für Lufthansa entschieden haben und hoffen, dass wir sie bald wieder an Bord einer unserer Maschinen begrüßen
dürfen.“
Ich hielt das „Handelsblatt“ in den Händen. Dessen Schlagzeile lautete: „Bush erwägt Militärschlag gegen Iran.“
Unbeeindruckt legte ich die Zeitung weg und reihte mich in den Gang ein.
Als ich die überheizte Flugzeughalle betrat, kreiste das Gepäck schon auf dem Fließband. Das Gerüchewirrwar bewegte sich
zwischen Stroh und Lagerfeuer. Einige drängten sich vor mich. Ich hievte die zwei schweren Koffer und den Rucksack auf den
wackligen Kuli und lief Richtung Ausgang.
Nochmals musste ich das schwere Gepäck bewegen. Wieder legte ich es auf ein Fließband.
Große schwarze mit Schminke betonte Augen starrten mich an. Eine komplett in schwarzem Stoff verschleierte Frau, zeigt auf
einen Monitor.
Es war deutlich der Inhalt meines Koffers zu sehen. Mit den unlackierten Fingernagel des Zeigefingers deutete sie auf einen
dunkelbraunen Gegenstand, der die Form einer Flasche hatte.
Sofort sprang ein junger Anzugträger herbei. Er fuchtelte beinahe panisch mit beiden Armen. Obwohl er frisch rasiert war,
konnte man seinen dichten Bartwuchs erkennen. Sein Bartansatz ging in die Brustbehaarung über.
Während ich den Samsonite öffnete und zwischen den Plastiktüten wühlte, durchstöberte ein Uniformierter gründlich meinen
Stern. Wahrscheinlich war er auf der Suche nach etwas Nacktem. Der Stern tat ihm aber mit dieser Ausgabe keinen Gefallen.
Es war hoffnungslos. Ich zog die Flasche Bordeaux hervor. Wütend forderte er mich auf ihm zu folgen. Ich wollte aber erst
in die andere Richtung mein Gepäck in Sicherheit bringen. Sofort hielt er mich an der Schulter fest. Er dachte wohl ich
wollte flüchten. Mit Erfolg bestand ich darauf mein gesamtes Hab und Gut mitzunehmen.
Er drückte mir die Rotweinflasche in die Hand und forderte mich auf ihm zu folgen. Viele Augen starrten mich an, als ich
mit der verbotenen Flasche da stand.
Ich kam mir komisch vor und steckte die Flasche zwischen mein Gepäck, damit sie nicht jeder sehen konnte. Wieder kam der
Anzugspolizist und gab mir die Flasche in die Hand. Der Uniformierte bewahrte mich vor dem Spießrutenlauf und wickelte
Zeitungspapier um die Flasche, wie die Amerikaner es zu tun pflegen, wenn es sich um Alkohol in der Öffentlichkeit handelt.
Nun war mir wohler.
Im Slalom schob ich meinen Kuli wieder zurück durch die Flughafenhalle.
Was wird jetzt mit mir geschehen?
Die Einfuhr von alkoholischen Getränken ist wohl nicht gestattet.
Das wusste ich nicht!
Das wusste ich wirklich nicht!!!
Naja, dass nützt nun auch nichts.
Entschlossen marschierte er vor mir her und fauchte aggressiv ins Telefon.
Er steuerte die Toilette an.
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Im sicheren Versteck riss er das Zeitungspapier ab und deutete an, den guten Wein wegzuschütten. Auf seinen Fingern
wucherten schwarze dicke Haare.
Erst als er das Aluminiumpapier weggepopelt hatte, realisierte er, dass diese gar nicht so einfach zu öffnen war. Er
steckte mir die Flasche hin. Doch ich nahm sie nicht an und gab ihm zu verstehen, dass ich kein Korkenzieher bei mir hatte.
Er entriss mir die Flasche wieder und trat in eine der vier Kabinen. Ich konnte von seinen Augen ablesen, dass er den
Flaschenhals am Keramiklokus abschlagen wollte.
Er tat es nicht.
War vielleicht auch besser so.
Verzweifelt blickte er mich an. Er kapitulierte vor dem teuflischen Gesöff.
Grinsend nahm ich die Flasche an mich. Ich setzte sie auf dem Boden ab und drückte mit dem Daumen den Korken ein Stückweit
in die Flasche.
„You are crazy! You are crazy!” lachte er mich an.
Nun wirkte er plötzlich fröhlich.
Doch als er merkte, dass mein Daumen nicht lange genug war, um den Korken vollständig in die Flasche zu drücken, geriet
seine Stimmung ins Wanken.
Zu seiner Verwunderung demonstrierte ich ihm die Länge meines Mittelfingers.
Enttäuscht schaute er drein, als auch mein Längster Finger zu kurz war.
Von einem Geistesblitz getroffen, zog er ein Kugelschreiber aus seinem Jackett. Ich hielt ihm den Flaschenhals entgegen.
„Flutsch“ machte es und eine Weinfontäne spritzte über seinen Anzug.
Beinahe wäre seine Laune umgeschlagen, aber eben nur beinahe. Er befahl mir den Wein eigenhändig auszuschütten, was ich
auch tat.
Dann roch er an seinem weingetränkten Kugelschreiber und blickte mich an, als bereite ihm dies offensichtlich großen
Genuss oder mimte er gar in Ekstase zu fallen. Die Geste hatte irgend etwas kumpelhaftes.
Vielleicht hätte er den Wein besser mit mir trinken wollen?
Ob er wohl mein irritierten Gesichtsausdruck deuten konnte?
Er blickte die Rotweinflecken auf seinem kakifarbenen Anzug an und rannte davon.
Erst jetzt bemerkte ich den stechenden Geruch nach Urin. Ich stellte die Flasche in die Ecke und machte mich wieder auf
durchs Getümmel in Richtung Ausgang.