Das Dao (Die Begegnung mit dem daoistischen Moench)


Teil 2



Nachdem wir Rudi zum Bahnhof gebracht und uns von ihm verabschiedete hatten, kauften wir Gemuese und Obst fuer fuenf Tage ein. Wir liebaeugelten mit dem Gedanken etwas laenger als zwei oder drei Tag in den Bergen zu verweilen. Nicht nur, dass es interessant beim Moench sein koennte, sondern ein laengerer Aufenthalt wuerde uns auch helfen etwas Geld zu sparen, damit wir uns wieder in unserem geplanten Limit manoevrieren koennten, da unser Budget ueberschritten war.
Zwei Tage spaeter standen wir mit unserem gesamten Gepaeck am Berganfang. Unser Mitgebrachtes bestand aus jeweils einem grossen Rucksack auf dem Ruecken und einem kleinen, vollgestopft mit Obst und Gemuese, welchen wir vor den Bauch geschnallt hatten. Wir liessen einen Rucksack am Bergfuss, so dass wir nur noch einen grossen Rucksack nach oben bringen mussten. Alle Viertelstunde wechselten wir uns mit dem Tragen ab. Ausserdem liessen wir uns viel Zeit und genossen die bizarre Bergregion, deren ueber 2000 Meter hohe Gipfel in die Wolken ragten. Es schien als verirrten sie sich in der Unendlichkeit des Himmels.
Nach einem vierstuendigen Marsch standen wir im Garten des Moenchs. Es verging keine Sekunde, dass der Moench uns erblickte. Es wirkte, als haette er auf uns gewartet. Anfangs war ich unsicher, ob er wirklich verstanden hatte, dass wir nochmals kommen wollten. Ich war erleichtert, denn er war sichtlich von unserem Kommen erfreut. Sogleich deutete er uns an, dass wir in dem Hoehlenzimmer mit den zwei Betten uebernachten koennten. In der Schale des Altars brennten nun drei Raeucherstaebchen. Ob die wohl fuer uns und ihn waren?
Soblad wir das Mitgebrachte in der Kueche ausbreiteten, fragte er uns, ob wir etwas zu essen wollten. Er verstand es das Gemuese in ein koestliches Essen zu verwandeln. Wir hofften, dass eine oder andere Gemuese mitgebracht zu haben, dass er schon laengere Zeit nicht mehr gegessen hatte. Nach der Mahlzeit schritten wir in seinem Gemuesegarten umher und wunderten uns ueber die Vielzahl des Angebots. Ich entdeckte Tomaten, Sonnenblumen, Bohnen, Aubergienen, Zuccinie, Kartoffeln und Gurken. Inmitten seines Gartens stand eine Ruine. Die Haustuer des ehemaligen Wohnhauses nutzte er als Eingang in sein Paradies. Den Innenraum, der laengst kein Innenraum mehr war, da das Dach fehlte, wandelte er in einen Bohnengarten um. Wir dehnten unseren Verdauungsspaziergang aus und erkundeten die naehere Umbebung. Es dauerte nicht lange, bis wir eine riesige Ruinenanlage entdeckten, die von einer uepigen Pflanzenwelt versteckt gehalten war. Es war geheimnisvoll und etwas mystisch die uebrig gebliebenen Steinformationen anzuschauen. Wir entdeckten eine Terasse mit wunderschoenem Ausblick ueber ein gigantisches Tal. Dort bestimmte ich, sollte mein Leseplatz der naechsten Tage sein. Bei genauerer Betrachtung machte die uebrig gebliebene Ruine den Eindruck, als waere sie zerstoert worden. Es war auch ganz klar ersichtlich, dass das Zuhause des Moenchs ein kleiner Teil der ehemals grossen Tempelanlage war.
Spaeter redeten wir mit dem Moench darueber, so gut es meine Chinesischkenntnisse eben zuliessen. Mit Zuhilfenahme von Sprachfuehrer und Woerterbuch erfuhr unsere Kommunikation eine Steigerung. Doch der Umgang mit dem Woertebuch erwies sich komplizierter als gedacht. Der Moench beherrschte das Alphabet nicht, so dass er nicht einfach das gewuenschte Wort nachschlagen konnte. Wir hoerten uns also seine Zischlaute an und versuchten manchmal vergebens das Wort zu finden. Wenn wir fuendig wurden, zeigten wir ihm das dahinterstehende Schriftzeichen, die er verstand. Spaeter wiessen wir auf die Listen von Grundschriftzeichen, mit denen es ebenfalls moeglich sein sollte, das gewuenschte Zeichen zu finden. Aber auch dies fuherte nur manchmal zum Erfolg. Unsere Kommunikation war muehsam aber im Bereich des Moeglichen. Er stimmte zu, dass die ehemalige Tempelanlage zerstoert worden war. Als ich anbrachte, dass es Mao waehrend seiner Kulturrevolution angerichtet haben koennte, verneinte er. Er wuesste selber nicht, wer der Taeter war.
Selbst in seinem Garten lagen kreuz und quer verzierte Saeulen, die von einer einst kultivierteren Zeit zeugten. Ich entdeckte auch Scherben einer Eisenskulptur, die er zusammengetragen hatte. Sie schien in einen der vielen leeren Schreine der Ruinenanlage zu gehoeren. Warum liess der Moench sich ausgerechnet an einem solchen, vorbelasteten Ort nieder? Ist er von seinem Kloster hier her geordert worden oder suchte er sich selber diesen Ort aus? Er schien meine Fragen einfach nicht zu verstehen oder er wollte mich nicht verstehen.
Er begann, vielleicht um abzulenken, ueber sein Moenchsdasein zu erzaehlen. Mich wunderte, dass er nur einmal im Monat das Kloster am Fusse des Berges besuchte und nur einmal im Monat ein Ordenskollege vorbeikaeme. Er musste sehr einsam sein, wenn er nur zwei Mal im Monat einem menschlichen Wesen gegenueberstand. Der Moench war voellig von der modernen Zivilisaton abgeschnitten. Jedoch permanentes Schreien und Rufen vom gegenueberliegenden Berg begleitete ihn durch seine Einsamkeit. Von der touristisch erschlossenen Nordspitze testeten Tag und Nacht saemtliche Besucher das Echo des Tals aus. Die Stimmen waren zu hoehren, als waeren sie von neben an. Es ist schon eigenartig nur die Geraeusche der Gesellschaft zu hoeren, vor der er sich zurueckgezogen hatte. Nicht einmal hier fand er seinen Frieden. Oder hoerte er die Stimmen, waehrend seines sieben jaehrigen Aufenthalts gar nicht mehr? Vielleicht war es wie Vogelgezwitscher. Erst wenn man bewusst hinhoert, faellt einem die pipsenden Geraeuschkulisse auf. Vielleicht wuerde ihm es auffallen, wenn kein Echo mehr an den steilen Fellswaenden zurueckhallen wuerde. Es waere als wachte man nachts auf, weil die Musik aufhoert.
Wieso entschied er sich fuer so ein einsames Leben? Lebte er so aus eigenem Willen? Er verriet uns, dass er krank war. Wahrscheinlich war das der Grund, dass er sich in die Abgeschiedenheit begab. Eigentlich sah er nicht krank aus. Im Gegenteil er wirkte eher juenger als er war. Er lebte nach dem daoistischen Lebensprinzip, welches sich auf alte chinesische Traditionen beruht. Das Wesentliche an der daoistische Lehre ist der „Qi“, der Lebensfluss. Es gilt, beste Vorraussetzungen zur Entfaltung des Qis zu schaffen. Erst wenn alle fuenf Elemente, die unter anderem einzelne Koerperpartien symbolisieren, sich im Yin-Yang-Gleichgewicht befinden, kann der Lebensfluss ungestoert durch den Koerper fliessen. Yin bildet dem Menschen die Substanz des Koerpers wie Blut, Gewebe und Muskeln. Yang gibt ihm die Energie fuer seinen Waermehaushalt zur Verfuegung. Yin, das Dunkle, Weibliche, Passive, der Mond und Yang, das Helle, Maennliche, Aktive, die Sonne stehen als gegensaetzliche Energien in staendiger Konkurrenz zueinander und ergaenzen sich zu gleich. Im Falle der Lebensflusses, der, aus welchen Gruenden auch immer, behindert wird, kann der menschliche Koerper krank werden.
Waehrend ich mir Gedanken ueber sein Leben machte, durchstoeberte er interessiert unsere Sachen. Er hatte sichtlich Spass an meiner Taschenlampe und an meinem Fernglas. Auch der Radiergummie von Matthias versetzte ihn ins Staunen. Ich zeigte ihm, fuer was der Radierstift zu gebrauchen war, in dem ich in meinem Vokabelheft ein Wort verschwinden liess. Nun probierte er sich an meinem Tagebuch. Ich erklaerte ihm, dass die Wunderwaffe nicht bei Kugelschreiber anwendbar sei. Doch er benutzte etwas Speichel, so dass er es ihm gelang ein Wort auszuradieren in dem er die feuchte Oberflaeche des Papiers abrubbelte.
Wir verbrachten den restlichen Abend mit Tagebuchschreiben, waehrend der Moench fasziniert abwechselnd unsere Schreibbewegungen und Schriftbilder bewunderte. Wir waren fuer ihn mindestens so interessant, wie er fuer uns.
Als wir ins Bett gingen fand ich es schon gruselig in einer Hoehle neben einem Tempel zu schlafen. Nachts fuerchtete ich mich ein wenig, da ein starker Wind aufkam, so dass das Vordach der Hoehle laut rumpelte. Der Wind war sogar so stark, dass die schweren Holzbalken auf dem Wellblech angehoben wurden. Das Gepolter aehnelte dem Einschlagen unserer verriegelten Holztuer. Eigentlich musste ich mich vor nichts fuerchten, da die Holztuer einen stabilen Eindruck machte und ausserdem erfuhr ich, dass es so weit oben in den Bergen keine gefaehrlichen Tiere mehr gab. Dieser Gedanken beruhigte mich, so dass ich bald einschlief.

Am naechsten Morgen wachte ich schon sehr frueh auf. Als ich die Tuer oeffnete, stach mir ein leuchtend roter Himmel entgegen. Es war genau der Zeitpunkt, an dem der gluehende Feuerball ueber die gegenueberliegende Nordspitze guckte. Bald entdeckte ich den Moench, der im Morgenrot mit dem Schatten boxte. Seine energiereichen und fluessigen Bewegungen ergriffen mich. Als er seine morgendliche Uebung beendete, bat ich ihn, mir Taijichuan beizubringen. Bereitwillig erklaerte er mir von Anfang an die Schrittfolgen und die dazugehoerigen Handbewegungen. Als ich ihn zu imitieren versuchte, korrigierte er meine Haltung. Geduldig arbeitete er mit mir. Als ich mich hinsetzte, um eine Pause zu machen, fuehrte er mir verschiedenen Taiji-Stilarten vor. Er griff zu einem Stock und zog ihn in seine fliessende Bewegungen ein. Nun leuchtete mir ein, dass Taiji unter dem Ueberbegriff Kung Fu zu finden war. Taiji war jedoch eine langsamere und flussbetontere Stilform des Kung Fus. Erstaunt war ich, als er nach einer kurzen Zeit mit einem Schwert aus dem Tempel kam. Auch mit dieser Waffe wusste er perfekt umzugehen. Nun kam sein durchtrainierter Koerper zur Geltung. Er war zwar ein Kopf kleiner als ich, doch wollte ich nicht gegen ihn kaempfen muessen. Es stellte sich heraus das er zwoelf Jahre lang diese Kampfkuenste im Kloster beigebracht bekam. Daoistischen Moenche fand ich um ein Vielfaches interessanter als buddhistische Moenche. Die Buddhisten hatten kaum koerperliche Bewegung. Sie verbrachten den lieben langen Tag mit Meditation oder Singen von heiligen Schriften mit monotoner Melodie, wie ich es in Indien oder Westchina nahe der tibetischen Provinz beobachten konnte. Fuer die Daoisten hatte nur Koerper und Seele vereint Meditationscharakter. Bewusstes Ausfuehren von praezisen Bewegungsmuster foerderte den Lebensfluss und war somit Grundlage der daoistischen Lehre.
Anschliessend drehten wir das Lehrer-Schueler-Verhaeltnis um, in dem ich ihm unser Schach beibrachte. Zum Glueck hatte das in China gekaufte Schachbrett eine Anleitung in chinesischer Sprache, wie die Figuren sich auf dem Feld bewegen durften. Waehrend er die Beschreibung durchlas, entdeckte ich etwas Eigenartiges an der kuemmerlich heranwachsenden Kiefer, die uns Schatten bot. Es fiel mir sein liebenswerter Umgang mit den Pflanzen auf. Ein grosser Ast war durch die Folgen eines Sturmes abgebrochen. Der Moench positionierte den Ast, baute eine Schiene zur Stabilisierung und verband die Bruchstelle. Er verarztete den Baum, wie das gebrochene Bein eines Menschens. Kann der Ast tatsaechlich wieder an den Stamm heranwachsen oder fehlte dem Moench einfach nur ein Mensch, um den er sich kuemmern konnte?
Nach dem er die Lektuere durchgelesen hatte, uebte er mit uns das neu Erlernte. Es wirkte so, als gaebe es nichts zu tun. Als ich in fragte, ob ich ihm mit irgend etwas behilflich sein koennte, meinte er, es gaebe nicht einmal fuer ihn genug zu tun. Wir spielten zahllose Schachpartien. Der Moench wurde immer besser. Jetzt musst ich mich sogar anstrengen, um gegen ihn zu gewinnen. Als es daemmerte zogen wir in die Kueche um und spielten im Kerzenschein weiter. Mit seinem angewachsenem Laecheln summte er immer die gleiche Melodie vor sich hin. Waehrend er gegen Matthias spielte, beobachtete ich ihn und wunderte mich, dass er niemals seinen langen Bart streichelte, der aus wenigen, langen Haearchen bestand, die er niemals schnitt. Das Spiel schien ihn ergriffen zu haben. Er wollte und wollte uns einfach nicht ins Bett gehen lassen. Immer wieder stellte er die Figuren neu auf, nach dem ich seinen Koenig ins „Schachmatt“ zwang. Erst als es ihm gelang mit zwei Tuermen meinen Koenig zu attackieren, die aus einem Hinterhalt blitzschnell meine Abwehr durchbrachen, liess er mich schlafen gehen. Respekt, er erlernte das koenigliche Spiel im Handumdrehen.
Er leuchtete uns mit dem Kerzenlicht den Weg. Waehrend wir uns ins Bett legten, zuendete er drei Raecherstaebchen an. Nach mehreren, andaechtigen Verbeugungen drehte er sich um und summte weiter. Er forderte uns auf, die Tuer zu verriegeln und verschwand in der Dunkelheit.
Am morgen stand ich zwar frueh auf, jedoch zu spaet um des Moenchs allmorgentlichen Uebungen zu beobachten. Auf die Bewegungsfolgen vom Vortag aufbauend, lernte ich weiter bis zum neunten von hundertunddrei Schritten. Es war also noch genug zu tun. Ich unterbrach meine Uebungen, da Matthias mich ans Wasserloch rief. Dort lag ein totes Tier drin, das die groesse eines kleinen Hundes hatte. Vermutlich war das Tier nachts in die Zisterne gefallen und darin ersoffen. Sofort rannte ich zum Moench. Ich stoerte ihn beim Haare kaemmen. Zum ersten Mal sah ich ihn mit offenem Haar. Sein tief schwarzen Haare waren kraeftig und gesund. Geschickt steckte er sich sein Haar nach oben und warf sich seine Moenchskutte um. Mit zwei Holzstangen und einem Baskenkorb fischten wir das Tier aus dem Wasserloch. Das Tier entpuppte sich als ein ausgewachsener Marder. Ich grub ein Loch und legte den noch unter Leichenstarre stehenden Marder hinein. Es war ein komisches Geraeusch, als ich die erste Schaufel Erde auf den toten Koerper warf.
Nun hatten wir ein Problem, da der Moench meinte, dass das Wasser auch abgekocht nicht mehr geniessbar waere. Schon vor dem Vorfall hatte das Wasser die Farbe von Gruentee und besass einen fauligen Geschmack. Was sollten wir nun tun? Der Moench deutete mit dem Zeigefinger gen Himmel. Ihm fiel nichts besseres ein, als auf Regen zu warten. Wie ich mich entsinnen konnte hat es die letzten zwei Wochen nicht mehr geregnet. Mit den letzten Tropfen Wasser bereitete der Moench uns ein Essen zu und schwenkte anschliessend die Schuesseln aus.
Bereits am Vortag fragte ich ihn, ob er uns bei einer etwas groesseren Bergwanderung begleiten wollte. Er stimmte zu, so dass wir nach dem Essen aufbrachen. Alle leeren Wasserflaschen, die wir auftreiben konnten, nahmen wir mit, um Wasser wieder mitbringen zu koennen. Bevor es los ging, steckte er uns jedem eine Gurke zu, die dafuer sorgen sollte unseren Fluessigkeitshaushalt aufrecht zu erhalten.
Nach einem einstuendigen Abstieg, kamen wir an eine Kreuzung, wo der Moench sich von uns ueberraschend verabschiedete. Wir sollten alleine wandern gehen, waehrend er versuchte unser Wasserproblem zu loesen. Es war genau die Kreuzung, an der wir vor einigen Tagen den falschen Abzweig gewaehlt hatten, womit unser Abenteuer begann. Dort stand eine Tempelruine, in deren Innenhof Waesche zum Trocknen aufgehaengt war. Nach mehreren Rufen sprang ein schlachsiger Kerl aus den Truemmern. Er war kein Moench. Vielleicht verdiente er sich etwas Geld in dem er als Traeger arbeitete. Seine Gesichtsproportionen waren verschoben. Das rechte Auge haengte nach unten.
Zur Nordspitze sollten es von hier aus nur noch drei Stunden zu Fuss sein. Der Weg bestand aber nur noch aus in den Fels geschlagenen Stufen. Mit Hilfe am Steig befestigter Ketten, konnte man sich nach oben ziehen. Es sah viel gefaehrlicher und spektakulaerer aus, als es war. Hier und da konnte man aestetisch aussehende Schriftzeichen in einen besonders schoenen Fels gehauen entdecken. Ich wusste, dass die Schriftzeichen philosophische Gedanken eines alten Schoengeistes zitierten. Nur leider konnte ich sie nicht lesen. Ich stellte mir es sehr inspirierend vor, hier und da neue Anregungen zum Denken zu bekommen, waehrend man den Gipfel erklomm. Als wir den hoechsten Punkt der Nordspitze erreicht hatten, suchten wir auf dem gegenueberliegenden Berg das Zuhause des Moenches. Wir waren uns nicht ganz einig, wo genau wir die letzten zwei Naechte geschlafen hatten, doch wussten wir ungefaehr, wo es lag. Was fuer ein Vorstellung, dass mitten in den Bergen ein Moench sich alleine niedergelassen hatte. Wie viele Moenche, von denen wir nichts wussten, lebten noch verstreut in der geheimnisvollen Berglandschaft. Weiter setzten wir uns zum Ziel, einen nahegelegenen Berg zu besteigen, dessen Gipfel den Gebirgsabschnitt am meisten charakterisierte. Die alten Chinesen liessen sich fuer ihn einen schoenen Namen einfallen: „Star Picking Mountain“. Ein riskanter Klettersteig, auf dem man einen Bergkamm entlangkraxeln musste, wobei es zu beiden Seiten abrupt hunderte Meter hinab ging, musste bezwungen werden. Es fegte ein starker Wind von der einen Seite ueber den Steig. Auf der Bergspitze sitzend, bewunderte ich das Bergmassiv. Ich kam mir so klein und unbedeutend vor. Irgendwie war es ein angenehmes Gefuehl sich hin und wieder klein zu fuehlen. Oder bezog sich das gute Gefuehl vielmehr darauf, dass das Naturspektakel um einen herum so ueberwaeltigend war, dass man keine andere Wahl hatte, als sich klein zu machen, wenn man den grossartigen Augenblick zu erfassen versucht. Auch von dieser Bergkuppe suchten wir des Moenchs Paradies. Dadurch, dass sich die Perspektive veraendert hatte, sah alles anders aus. Nur kurz dachten wir einen Konsens ueber den genauen Standort gefunden zu haben.
Wir machten uns langsam auf den Rueckweg, da wir nicht von der Dunkelheit ueberrascht werden wollten. Da unser Gemuese langsam zu Neige ging, feilschte ich an einem der ueberteuerten Raststellen um zwei Zuccinies und eine Aubergine. Als wir wieder an die Kreuzung kamen, wartete der Mann mit dem haengenden Auge und zwei seiner Freunde auf uns. Sobald wir in Sichtweite waren kamen sie auf uns zu. In einem eigenartigen Dialekt versuchten sie mir etwas begreiflich zu machen. Ich verstand erst als er mir den Schluessel zu des Moenchs Hoehlenzimmer gab. Der Moench koennte ins Tal hinunter gelaufen sein, da auch er nicht genug Wasser hatte. Rasch machten wir uns an die letzte Etappe. Als wir ankamen daemmerte es bereits. Es war schon ein komisches Gefuehl alleine an diesem Ort zu uebernachten. Um besser schlafen zu koennen, stellten wir uns die Holzfaelleraxt neben das Bett.
Am naechsten Morgen stand ich wieder rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf. Ich wunderte mich darueber, dass wirklich jeder Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, auch wenn man ihn von der gleichen Stelle aus beobachtet, sehr verschieden ist. So bleibt das Betrachten stets ergreifend.
Der Moench war noch immer nicht da. Er schien das Problem nicht loesen zu koennen. Auch wenn er zwei oder drei Liter Wasser anschleppt, reicht das fuer drei Personen auch nicht weit. Wir warteten bis mittags. Der Moench tauchte einfach nicht auf. Wir entschieden uns, ihn um ein Problem zu erleichtern, naemlich uns. Waehrend des dreistuendigen Abstiegs muessten wir uns treffen oder, falls er dann immer noch nicht zugelaufen ist, in dem grossen Tempel am Fuss des Berges.
Sicherheitshalber schoben wir den Schluesselbund unter den Tuerspalt des Moenchs Freundes durch, der nicht zuhause war. Dies war auch gut so, da wir unserem Moench nicht mehr begegneten. Er kam uns nicht entgegen noch fanden wir ihn im Tempel. Ich fragte nach ihm, wobei ich seinen Namen benutzte. Mir stellte er sich mit dem chinesischen Wort fuer Stein vor. Aber es schien nur eine vereinfachte Form seines komplizierten Namens zu sein. Es war nichts zu machen, wir steigen in den Bus ohne uns von ihm zu verabschieden.
Zwei Stunden spaeter fanden wir uns wieder in der laermenden Grossstadt Xian, wo Schuhputzer ueber unsere Stiefel herfielen, es nach koestlichem Essen aus unzaehligen Garkuechen roch und Huren uns ordinaere Blicke zuwarfen und uns mit einem Massageangebot versuchten uns hinein zu locken.