Das Dao (Die Begegnung mit dem daoistischen Moench)
Nachdem wir Rudi zum Bahnhof gebracht und uns von ihm verabschiedete hatten,
kauften wir Gemuese und Obst fuer fuenf Tage ein. Wir liebaeugelten mit dem
Gedanken etwas laenger als zwei oder drei Tag in den Bergen zu verweilen. Nicht
nur, dass es interessant beim Moench sein koennte, sondern ein laengerer
Aufenthalt wuerde uns auch helfen etwas Geld zu sparen, damit wir uns wieder in
unserem geplanten Limit manoevrieren koennten, da unser Budget ueberschritten
war.
Zwei Tage spaeter standen wir mit unserem gesamten Gepaeck am
Berganfang. Unser Mitgebrachtes bestand aus jeweils einem grossen Rucksack auf
dem Ruecken und einem kleinen, vollgestopft mit Obst und Gemuese, welchen wir
vor den Bauch geschnallt hatten. Wir liessen einen Rucksack am Bergfuss, so dass
wir nur noch einen grossen Rucksack nach oben bringen mussten. Alle
Viertelstunde wechselten wir uns mit dem Tragen ab. Ausserdem liessen wir uns
viel Zeit und genossen die bizarre Bergregion, deren ueber 2000 Meter hohe
Gipfel in die Wolken ragten. Es schien als verirrten sie sich in der
Unendlichkeit des Himmels.
Nach einem vierstuendigen Marsch standen wir im Garten des
Moenchs. Es verging keine Sekunde, dass der Moench uns erblickte. Es wirkte, als
haette er auf uns gewartet. Anfangs war ich unsicher, ob er wirklich verstanden
hatte, dass wir nochmals kommen wollten. Ich war erleichtert, denn er war
sichtlich von unserem Kommen erfreut. Sogleich deutete er uns an, dass wir in
dem Hoehlenzimmer mit den zwei Betten uebernachten koennten. In der Schale des
Altars brennten nun drei Raeucherstaebchen. Ob die wohl fuer uns und ihn waren?
Soblad wir das Mitgebrachte in der Kueche ausbreiteten, fragte er uns, ob
wir etwas zu essen wollten. Er verstand es das Gemuese in ein koestliches Essen
zu verwandeln. Wir hofften, dass eine oder andere Gemuese mitgebracht zu haben,
dass er schon laengere Zeit nicht mehr gegessen hatte. Nach der Mahlzeit
schritten wir in seinem Gemuesegarten umher und wunderten uns ueber die Vielzahl
des Angebots. Ich entdeckte Tomaten, Sonnenblumen, Bohnen, Aubergienen,
Zuccinie, Kartoffeln und Gurken. Inmitten seines Gartens stand eine Ruine. Die
Haustuer des ehemaligen Wohnhauses nutzte er als Eingang in sein Paradies. Den
Innenraum, der laengst kein Innenraum mehr war, da das Dach fehlte, wandelte er
in einen Bohnengarten um. Wir dehnten unseren Verdauungsspaziergang aus und
erkundeten die naehere Umbebung. Es dauerte nicht lange, bis wir eine riesige
Ruinenanlage entdeckten, die von einer uepigen Pflanzenwelt versteckt gehalten
war. Es war geheimnisvoll und etwas mystisch die uebrig gebliebenen
Steinformationen anzuschauen. Wir entdeckten eine Terasse mit wunderschoenem
Ausblick ueber ein gigantisches Tal. Dort bestimmte ich, sollte mein Leseplatz
der naechsten Tage sein. Bei genauerer Betrachtung machte die uebrig gebliebene
Ruine den Eindruck, als waere sie zerstoert worden. Es war auch ganz klar
ersichtlich, dass das Zuhause des Moenchs ein kleiner Teil der ehemals grossen
Tempelanlage war.
Spaeter redeten wir mit dem Moench darueber, so gut es meine
Chinesischkenntnisse eben zuliessen. Mit Zuhilfenahme von Sprachfuehrer und
Woerterbuch erfuhr unsere Kommunikation eine Steigerung. Doch der Umgang mit dem
Woertebuch erwies sich komplizierter als gedacht. Der Moench beherrschte das
Alphabet nicht, so dass er nicht einfach das gewuenschte Wort nachschlagen
konnte. Wir hoerten uns also seine Zischlaute an und versuchten manchmal
vergebens das Wort zu finden. Wenn wir fuendig wurden, zeigten wir ihm das
dahinterstehende Schriftzeichen, die er verstand. Spaeter wiessen wir auf die
Listen von Grundschriftzeichen, mit denen es ebenfalls moeglich sein sollte, das
gewuenschte Zeichen zu finden. Aber auch dies fuherte nur manchmal zum Erfolg.
Unsere Kommunikation war muehsam aber im Bereich des Moeglichen. Er stimmte zu,
dass die ehemalige Tempelanlage zerstoert worden war. Als ich anbrachte, dass es
Mao waehrend seiner Kulturrevolution angerichtet haben koennte, verneinte er. Er
wuesste selber nicht, wer der Taeter war.
Selbst in seinem Garten lagen
kreuz und quer verzierte Saeulen, die von einer einst kultivierteren Zeit
zeugten. Ich entdeckte auch Scherben einer Eisenskulptur, die er
zusammengetragen hatte. Sie schien in einen der vielen leeren Schreine der
Ruinenanlage zu gehoeren. Warum liess der Moench sich ausgerechnet an einem
solchen, vorbelasteten Ort nieder? Ist er von seinem Kloster hier her geordert
worden oder suchte er sich selber diesen Ort aus? Er schien meine Fragen einfach
nicht zu verstehen oder er wollte mich nicht verstehen.
Er begann, vielleicht um
abzulenken, ueber sein Moenchsdasein zu erzaehlen. Mich wunderte, dass er nur
einmal im Monat das Kloster am Fusse des Berges besuchte und nur einmal im Monat
ein Ordenskollege vorbeikaeme. Er musste sehr einsam sein, wenn er nur zwei Mal
im Monat einem menschlichen Wesen gegenueberstand. Der Moench war voellig von
der modernen Zivilisaton abgeschnitten. Jedoch permanentes Schreien und Rufen
vom gegenueberliegenden Berg begleitete ihn durch seine Einsamkeit. Von der
touristisch erschlossenen Nordspitze testeten Tag und Nacht saemtliche Besucher
das Echo des Tals aus. Die Stimmen waren zu hoehren, als waeren sie von neben
an. Es ist schon eigenartig nur die Geraeusche der Gesellschaft zu hoeren, vor
der er sich zurueckgezogen hatte. Nicht einmal hier fand er seinen Frieden. Oder
hoerte er die Stimmen, waehrend seines sieben jaehrigen Aufenthalts gar nicht
mehr? Vielleicht war es wie Vogelgezwitscher. Erst wenn man bewusst hinhoert,
faellt einem die pipsenden Geraeuschkulisse auf. Vielleicht wuerde ihm es
auffallen, wenn kein Echo mehr an den steilen Fellswaenden zurueckhallen wuerde.
Es waere als wachte man nachts auf, weil die Musik aufhoert.
Wieso entschied
er sich fuer so ein einsames Leben? Lebte er so aus eigenem Willen? Er verriet
uns, dass er krank war. Wahrscheinlich war das der Grund, dass er sich in die
Abgeschiedenheit begab. Eigentlich sah er nicht krank aus. Im Gegenteil er
wirkte eher juenger als er war. Er lebte nach dem daoistischen Lebensprinzip,
welches sich auf alte chinesische Traditionen beruht. Das Wesentliche an der
daoistische Lehre ist der „Qi“, der Lebensfluss. Es gilt, beste Vorraussetzungen
zur Entfaltung des Qis zu schaffen. Erst wenn alle fuenf Elemente, die unter
anderem einzelne Koerperpartien symbolisieren, sich im Yin-Yang-Gleichgewicht
befinden, kann der Lebensfluss ungestoert durch den Koerper fliessen. Yin bildet
dem Menschen die Substanz des Koerpers wie Blut, Gewebe und Muskeln. Yang gibt
ihm die Energie fuer seinen Waermehaushalt zur Verfuegung. Yin, das Dunkle,
Weibliche, Passive, der Mond und Yang, das Helle, Maennliche, Aktive, die Sonne
stehen als gegensaetzliche Energien in staendiger Konkurrenz zueinander und
ergaenzen sich zu gleich. Im Falle der Lebensflusses, der, aus welchen Gruenden
auch immer, behindert wird, kann der menschliche Koerper krank werden.
Waehrend ich mir
Gedanken ueber sein Leben machte, durchstoeberte er interessiert unsere Sachen.
Er hatte sichtlich Spass an meiner Taschenlampe und an meinem Fernglas. Auch der
Radiergummie von Matthias versetzte ihn ins Staunen. Ich zeigte ihm, fuer was
der Radierstift zu gebrauchen war, in dem ich in meinem Vokabelheft ein Wort
verschwinden liess. Nun probierte er sich an meinem Tagebuch. Ich erklaerte ihm,
dass die Wunderwaffe nicht bei Kugelschreiber anwendbar sei. Doch er benutzte
etwas Speichel, so dass er es ihm gelang ein Wort auszuradieren in dem er die
feuchte Oberflaeche des Papiers abrubbelte.
Wir verbrachten den restlichen
Abend mit Tagebuchschreiben, waehrend der Moench fasziniert abwechselnd unsere
Schreibbewegungen und Schriftbilder bewunderte. Wir waren fuer ihn mindestens so
interessant, wie er fuer uns.
Als wir ins Bett gingen fand ich es schon
gruselig in einer Hoehle neben einem Tempel zu schlafen. Nachts fuerchtete ich
mich ein wenig, da ein starker Wind aufkam, so dass das Vordach der Hoehle laut
rumpelte. Der Wind war sogar so stark, dass die schweren Holzbalken auf dem
Wellblech angehoben wurden. Das Gepolter aehnelte dem Einschlagen unserer
verriegelten Holztuer. Eigentlich musste ich mich vor nichts fuerchten, da die
Holztuer einen stabilen Eindruck machte und ausserdem erfuhr ich, dass es so
weit oben in den Bergen keine gefaehrlichen Tiere mehr gab. Dieser Gedanken
beruhigte mich, so dass ich bald einschlief.
Am naechsten Morgen wachte
ich schon sehr frueh auf. Als ich die Tuer oeffnete, stach mir ein leuchtend
roter Himmel entgegen. Es war genau der Zeitpunkt, an dem der gluehende
Feuerball ueber die gegenueberliegende Nordspitze guckte. Bald entdeckte ich den
Moench, der im Morgenrot mit dem Schatten boxte. Seine energiereichen und
fluessigen Bewegungen ergriffen mich. Als er seine morgendliche Uebung beendete,
bat ich ihn, mir Taijichuan beizubringen. Bereitwillig erklaerte er mir von
Anfang an die Schrittfolgen und die dazugehoerigen Handbewegungen. Als ich ihn
zu imitieren versuchte, korrigierte er meine Haltung. Geduldig arbeitete er mit
mir. Als ich mich hinsetzte, um eine Pause zu machen, fuehrte er mir
verschiedenen Taiji-Stilarten vor. Er griff zu einem Stock und zog ihn in seine
fliessende Bewegungen ein. Nun leuchtete mir ein, dass Taiji unter dem
Ueberbegriff Kung Fu zu finden war. Taiji war jedoch eine langsamere und
flussbetontere Stilform des Kung Fus. Erstaunt war ich, als er nach einer kurzen
Zeit mit einem Schwert aus dem Tempel kam. Auch mit dieser Waffe wusste er
perfekt umzugehen. Nun kam sein durchtrainierter Koerper zur Geltung. Er war
zwar ein Kopf kleiner als ich, doch wollte ich nicht gegen ihn kaempfen muessen.
Es stellte sich heraus das er zwoelf Jahre lang diese Kampfkuenste im Kloster
beigebracht bekam. Daoistischen Moenche fand ich um ein Vielfaches interessanter
als buddhistische Moenche. Die Buddhisten hatten kaum koerperliche Bewegung. Sie
verbrachten den lieben langen Tag mit Meditation oder Singen von heiligen
Schriften mit monotoner Melodie, wie ich es in Indien oder Westchina nahe der
tibetischen Provinz beobachten konnte. Fuer die Daoisten hatte nur Koerper und
Seele vereint Meditationscharakter. Bewusstes Ausfuehren von praezisen
Bewegungsmuster foerderte den Lebensfluss und war somit Grundlage der
daoistischen Lehre.
Anschliessend drehten wir das Lehrer-Schueler-Verhaeltnis um, in
dem ich ihm unser Schach beibrachte. Zum Glueck hatte das in China gekaufte
Schachbrett eine Anleitung in chinesischer Sprache, wie die Figuren sich auf dem
Feld bewegen durften. Waehrend er die Beschreibung durchlas, entdeckte ich etwas
Eigenartiges an der kuemmerlich heranwachsenden Kiefer, die uns Schatten bot. Es
fiel mir sein liebenswerter Umgang mit den Pflanzen auf. Ein grosser Ast war
durch die Folgen eines Sturmes abgebrochen. Der Moench positionierte den Ast,
baute eine Schiene zur Stabilisierung und verband die Bruchstelle. Er verarztete
den Baum, wie das gebrochene Bein eines Menschens. Kann der Ast tatsaechlich
wieder an den Stamm heranwachsen oder fehlte dem Moench einfach nur ein Mensch,
um den er sich kuemmern konnte?
Nach dem er die Lektuere durchgelesen hatte,
uebte er mit uns das neu Erlernte. Es wirkte so, als gaebe es nichts zu tun. Als
ich in fragte, ob ich ihm mit irgend etwas behilflich sein koennte, meinte er,
es gaebe nicht einmal fuer ihn genug zu tun. Wir spielten zahllose
Schachpartien. Der Moench wurde immer besser. Jetzt musst ich mich sogar
anstrengen, um gegen ihn zu gewinnen. Als es daemmerte zogen wir in die Kueche
um und spielten im Kerzenschein weiter. Mit seinem angewachsenem Laecheln summte
er immer die gleiche Melodie vor sich hin. Waehrend er gegen Matthias spielte,
beobachtete ich ihn und wunderte mich, dass er niemals seinen langen Bart
streichelte, der aus wenigen, langen Haearchen bestand, die er niemals schnitt.
Das Spiel schien ihn ergriffen zu haben. Er wollte und wollte uns einfach nicht
ins Bett gehen lassen. Immer wieder stellte er die Figuren neu auf, nach dem ich
seinen Koenig ins „Schachmatt“ zwang. Erst als es ihm gelang mit zwei Tuermen
meinen Koenig zu attackieren, die aus einem Hinterhalt blitzschnell meine Abwehr
durchbrachen, liess er mich schlafen gehen. Respekt, er erlernte das koenigliche
Spiel im Handumdrehen.
Er leuchtete uns mit dem Kerzenlicht den Weg.
Waehrend wir uns ins Bett legten, zuendete er drei Raecherstaebchen an. Nach
mehreren, andaechtigen Verbeugungen drehte er sich um und summte weiter. Er
forderte uns auf, die Tuer zu verriegeln und verschwand in der Dunkelheit.
Am morgen stand ich zwar frueh auf, jedoch zu spaet um des Moenchs
allmorgentlichen Uebungen zu beobachten. Auf die Bewegungsfolgen vom Vortag
aufbauend, lernte ich weiter bis zum neunten von hundertunddrei Schritten. Es
war also noch genug zu tun. Ich unterbrach meine Uebungen, da Matthias mich ans
Wasserloch rief. Dort lag ein totes Tier drin, das die groesse eines kleinen
Hundes hatte. Vermutlich war das Tier nachts in die Zisterne gefallen und darin
ersoffen. Sofort rannte ich zum Moench. Ich stoerte ihn beim Haare kaemmen. Zum
ersten Mal sah ich ihn mit offenem Haar. Sein tief schwarzen Haare waren
kraeftig und gesund. Geschickt steckte er sich sein Haar nach oben und warf sich
seine Moenchskutte um. Mit zwei Holzstangen und einem Baskenkorb fischten wir
das Tier aus dem Wasserloch. Das Tier entpuppte sich als ein ausgewachsener
Marder. Ich grub ein Loch und legte den noch unter Leichenstarre stehenden
Marder hinein. Es war ein komisches Geraeusch, als ich die erste Schaufel Erde
auf den toten Koerper warf.
Nun hatten wir ein Problem, da der Moench meinte,
dass das Wasser auch abgekocht nicht mehr geniessbar waere. Schon vor dem
Vorfall hatte das Wasser die Farbe von Gruentee und besass einen fauligen
Geschmack. Was sollten wir nun tun? Der Moench deutete mit dem Zeigefinger gen
Himmel. Ihm fiel nichts besseres ein, als auf Regen zu warten. Wie ich mich
entsinnen konnte hat es die letzten zwei Wochen nicht mehr geregnet. Mit den
letzten Tropfen Wasser bereitete der Moench uns ein Essen zu und schwenkte
anschliessend die Schuesseln aus.
Bereits am Vortag fragte ich ihn, ob er
uns bei einer etwas groesseren Bergwanderung begleiten wollte. Er stimmte zu, so
dass wir nach dem Essen aufbrachen. Alle leeren Wasserflaschen, die wir
auftreiben konnten, nahmen wir mit, um Wasser wieder mitbringen zu koennen.
Bevor es los ging, steckte er uns jedem eine Gurke zu, die dafuer sorgen sollte
unseren Fluessigkeitshaushalt aufrecht zu erhalten.
Nach einem einstuendigen
Abstieg, kamen wir an eine Kreuzung, wo der Moench sich von uns ueberraschend
verabschiedete. Wir sollten alleine wandern gehen, waehrend er versuchte unser
Wasserproblem zu loesen. Es war genau die Kreuzung, an der wir vor einigen Tagen
den falschen Abzweig gewaehlt hatten, womit unser Abenteuer begann. Dort stand
eine Tempelruine, in deren Innenhof Waesche zum Trocknen aufgehaengt war. Nach
mehreren Rufen sprang ein schlachsiger Kerl aus den Truemmern. Er war kein
Moench. Vielleicht verdiente er sich etwas Geld in dem er als Traeger arbeitete.
Seine Gesichtsproportionen waren verschoben. Das rechte Auge haengte nach
unten.
Zur
Nordspitze sollten es von hier aus nur noch drei Stunden zu Fuss sein. Der Weg
bestand aber nur noch aus in den Fels geschlagenen Stufen. Mit Hilfe am Steig
befestigter Ketten, konnte man sich nach oben ziehen. Es sah viel gefaehrlicher
und spektakulaerer aus, als es war. Hier und da konnte man aestetisch aussehende
Schriftzeichen in einen besonders schoenen Fels gehauen entdecken. Ich wusste,
dass die Schriftzeichen philosophische Gedanken eines alten Schoengeistes
zitierten. Nur leider konnte ich sie nicht lesen. Ich stellte mir es sehr
inspirierend vor, hier und da neue Anregungen zum Denken zu bekommen, waehrend
man den Gipfel erklomm. Als wir den hoechsten Punkt der Nordspitze erreicht
hatten, suchten wir auf dem gegenueberliegenden Berg das Zuhause des Moenches.
Wir waren uns nicht ganz einig, wo genau wir die letzten zwei Naechte geschlafen
hatten, doch wussten wir ungefaehr, wo es lag. Was fuer ein Vorstellung, dass
mitten in den Bergen ein Moench sich alleine niedergelassen hatte. Wie viele
Moenche, von denen wir nichts wussten, lebten noch verstreut in der
geheimnisvollen Berglandschaft. Weiter setzten wir uns zum Ziel, einen
nahegelegenen Berg zu besteigen, dessen Gipfel den Gebirgsabschnitt am meisten
charakterisierte. Die alten Chinesen liessen sich fuer ihn einen schoenen Namen
einfallen: „Star Picking Mountain“. Ein riskanter Klettersteig, auf dem man
einen Bergkamm entlangkraxeln musste, wobei es zu beiden Seiten abrupt hunderte
Meter hinab ging, musste bezwungen werden. Es fegte ein starker Wind von der
einen Seite ueber den Steig. Auf der Bergspitze sitzend, bewunderte ich das
Bergmassiv. Ich kam mir so klein und unbedeutend vor. Irgendwie war es ein
angenehmes Gefuehl sich hin und wieder klein zu fuehlen. Oder bezog sich das
gute Gefuehl vielmehr darauf, dass das Naturspektakel um einen herum so
ueberwaeltigend war, dass man keine andere Wahl hatte, als sich klein zu machen,
wenn man den grossartigen Augenblick zu erfassen versucht. Auch von dieser
Bergkuppe suchten wir des Moenchs Paradies. Dadurch, dass sich die Perspektive
veraendert hatte, sah alles anders aus. Nur kurz dachten wir einen Konsens ueber
den genauen Standort gefunden zu haben.
Wir machten uns langsam auf den
Rueckweg, da wir nicht von der Dunkelheit ueberrascht werden wollten. Da unser
Gemuese langsam zu Neige ging, feilschte ich an einem der ueberteuerten
Raststellen um zwei Zuccinies und eine Aubergine. Als wir wieder an die Kreuzung
kamen, wartete der Mann mit dem haengenden Auge und zwei seiner Freunde auf uns.
Sobald wir in Sichtweite waren kamen sie auf uns zu. In einem eigenartigen
Dialekt versuchten sie mir etwas begreiflich zu machen. Ich verstand erst als er
mir den Schluessel zu des Moenchs Hoehlenzimmer gab. Der Moench koennte ins Tal
hinunter gelaufen sein, da auch er nicht genug Wasser hatte. Rasch machten wir
uns an die letzte Etappe. Als wir ankamen daemmerte es bereits. Es war schon ein
komisches Gefuehl alleine an diesem Ort zu uebernachten. Um besser schlafen zu
koennen, stellten wir uns die Holzfaelleraxt neben das Bett.
Am naechsten Morgen stand ich
wieder rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf. Ich wunderte mich darueber, dass
wirklich jeder Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, auch wenn man ihn von der
gleichen Stelle aus beobachtet, sehr verschieden ist. So bleibt das Betrachten
stets ergreifend.
Der Moench war noch immer nicht da. Er schien das Problem
nicht loesen zu koennen. Auch wenn er zwei oder drei Liter Wasser anschleppt,
reicht das fuer drei Personen auch nicht weit. Wir warteten bis mittags. Der
Moench tauchte einfach nicht auf. Wir entschieden uns, ihn um ein Problem zu
erleichtern, naemlich uns. Waehrend des dreistuendigen Abstiegs muessten wir uns
treffen oder, falls er dann immer noch nicht zugelaufen ist, in dem grossen
Tempel am Fuss des Berges.
Sicherheitshalber schoben wir den Schluesselbund
unter den Tuerspalt des Moenchs Freundes durch, der nicht zuhause war. Dies war
auch gut so, da wir unserem Moench nicht mehr begegneten. Er kam uns nicht
entgegen noch fanden wir ihn im Tempel. Ich fragte nach ihm, wobei ich seinen
Namen benutzte. Mir stellte er sich mit dem chinesischen Wort fuer Stein vor.
Aber es schien nur eine vereinfachte Form seines komplizierten Namens zu sein.
Es war nichts zu machen, wir steigen in den Bus ohne uns von ihm zu
verabschieden.
Zwei Stunden spaeter fanden wir uns wieder in der laermenden
Grossstadt Xian, wo Schuhputzer ueber unsere Stiefel herfielen, es nach
koestlichem Essen aus unzaehligen Garkuechen roch und Huren uns ordinaere Blicke
zuwarfen und uns mit einem Massageangebot versuchten uns hinein zu locken.