Das Dao (Die Begegnung mit dem daoistischen Moench)
Wir erfuhren von einem Berg namens Hua Shan, das uebersetzt „praechtiger
Berg“ heisst. Er ist unter Chinesen wegen seiner romantischen Bergwelt bekannt.
Die hektische Busfahrt endete mit einem lauten Zischen. Der Reifen war
platt. Wir hatten jedoch Glueck, da das Taxi an den Anfangspunkt der
Bergwanderung nur 5 Yuan (1,2 DM) kostete. Eigentlich einigten wir uns mit dem
untersetzten Taxifahrer, bevor wir einstiegen, auf einen Preis von 4 Yuan. Als
es dann ans Kassieren ging, behauptete er wir haetten shi (10 Yuan) und nicht si
(4 Yuan) ausgemacht. Ich liess ihn mit einem 5-Yuan-Schein stehen.
Der
Ausgangspunkt der Bergtour stellte ein daoistischer Tempel dar, dessen viele
Pavillons mit nach oben gebogenen Dachvorspruengen sich vor uns aufbaute. Es war
unumgaenglich durch die Tempelanlage durchzulaufen. Es roch nach
Raeucherstaebchen, die zu Hauf im Sand einer massiven Gussstahlwanne steckten.
Wir waren gezwungen an dem Altar, worin sich die Abbildung des Berggottes
befand, vorbeizugehen. Dort waren Kissen aufgereiht, auf denen man sich
niederwerfen sollte, wenn man sich einen guten Segen fuer die Wanderung holen
wollte. Den gelangweilten Moench stoerte es wenig, dass wir ohne Erfurcht an den
Kissen vorbei liefen. Hinter dem Altar fuehrte die Treppe weiter eine lange
Schlucht entlang hinauf in die Berge. An beiden Seiten erstreckten sich steile
Felswaende empor. Das Rauschen eines Wildwasserflusses war zu hoeren.
Sogleich standen wir vor einem vergitterten Tor. Auch hier ging kein Weg
daran vorbei, den horrenden Eintrittspreis zu bezahlen. Die Kommerzialisierung
des Tourismus ist in China so weit fortgeschritten, dass die Regierung es
Wanderern und Bergsteigern zumutet 70 Yuan zu bezahlen, um einen Berg zu
besteigen. Mit Widerwillen bezahlten wir die umgerechneten 17,5 DM.
Stufe um Stufe
staemmten wir unsere Koerper hinauf. Es machte Sinn fuer mich, dass der Fluss
sich in unzaehligen Jahren in den Felsen geschnitten hatte, bis eine maechtige,
v-foermige Schlucht entstand. die abgewaschenen Felsformationen waren ein Indiez
dafuer. Alte und zaehe Maenner trugen mit Tragestangen Backsteine und
Zementsaecke mit kontinuierlichem Tempo nach oben. Ihre Koerper bestand nur aus
Haut, Knochen und wenigen Muskeln an den Wanden. Fettpolster oder muskuloese
Oberkoerper waeren nur nutzlose Lasten, die den steilen Berg nach oben getragen
werden muessten. An vereinzelten Stellen lagen muede Traeger am Wegrand und
schliefen. Sie schienen zu erschoepft zu sein, um vom nahen Auftreten unserer
Stiefel auf den Steinstufen, aufzuwachen. Einer brummte beim Schlaf, wie ein
Loewe.
Rudi, der einen schnelleren Schritt und dafuer mehrere kleine Pausen
bevorzugte, lief voraus. Auf einmal war der Weg nicht mehr so gut ausgebaut. Die
Steintreppen und die schweren Eisenketten zum Festhalten hoerten auf. Der gut
ausgebaute Weg verwandelte sich zu einem Pfad, der immer schmaler zu werden
schien. Trotzdem liessen wir uns vom Aufstieg nicht abbringen. Ploetzlich kam
uns ein daoistischer Moench entgegen, den wir an seinen hochgesteckten Haaren
und an seiner Kleidung erkannten. Typisch fuer die Daoisten waren die bis zu den
Knien reichenden Struempfe aus Segeltuch. Als ich ihn fragte, wie lange es denn
noch zur Nordspitze sei, zeigte er mit dem Finger auf eine Bergkuppe hinter uns.
Wir waren also falsch gelaufen. Rudi musste wohl eine Abzweigung verpasst haben.
T-shirt, Socken, Hose - alles triefte vor Naesse, auch meine Unterwaesche war
von Schweiss durchnaesst und klebte an der Haut. Wir aehnelten gerade aus dem
Wasser gezogenen Aalen.
Sollten wir den Pfad zurueck gehen, bis wir wieder
auf den richtigen Weg kamen oder sollten wir einfach dem schmalen Pfad folgen
und uns ueberraschen lassen wo wir herauskaemen? Immerhin befanden wir uns auf
einem Weg. Irgendwo musste uns der Pfad doch hinfuehren. Hat nicht jeder Weg ein
Ziel?
Rudis Laune war merklich in den Keller gefallen. Er fuehlte sich fuer
die Situation verantwortlich. Ich neckte ihn auf eine Art, wie wir es immer
miteinander taten, um ihm zu zeigen, dass ich es gar nicht so schlimm empfand.
Dieses Mal merkte ich, dass er wirklich traurig war. Wir ruhten auf einem
sonnigen Felsen, der aus dem dichten Gestrueb ragte. Dieser Platz bot uns eine
atemberaubende Aussicht auf unser eigentliches Ziel, die Nordspizte.
Um Rudi etwas bei
Laune zu halten erzaehlte ich eine alte daoistische Geschichte: „Es waren einmal
ein armer alter Mann und sein Sohn. Dessen einziger Besitz war ein Pferd. Eines
Tages liess der Sohn ueber Nacht die Koppel geoeffnet, so dass das Pferd fliehen
konnte. Am naechsten Tag kamen gleich die Nachbarn und taten ihr Beileid kund:
‚Es tut uns Leid, dass ihr Pferd weggelaufen ist, das ist wirklich schrecklich.’
Der alte Mann entgegenete ihnen jedoch:
‚Ob dies schlecht oder gut ist, kann
man nicht sagen.’
Am darauffolgenden Tag kam das Pferd wieder zurueck.
Jedoch brachte das Pferd eine ganze Herde wilder Pferde mit. Die Nachbarn kamen
gleich zu ihnen hinueber und sagte:
‚Da haben sie aber Glueck gehabt, dass
ihr Pferd zurueckgekommen ist und gleich noch eine ganze Horde mitgebracht
hatte.’
Der alte Mann entgegnete den Nachbarn ruhig:
‚Ob dies schlecht
oder gut ist, kann man nicht sagen.’
Nach einigen Tagen bricht sich der Sohn
beim Einreiten eines der wilden Pferde das Bein. Sogleich kamen die Nachbarn an
und bedauerten:
‚So ein Pech, dass ausgerechnet jetzt, wo soviel zu tun ist,
ihr Sohn sich das Bein brechen muss.’
Der alte Mann entgegnete den Nachbarn
gelassen:
‚Ob dies schlecht oder gut ist, kann man nicht sagen.’
Am
naechsten Tag kamen einige Offiziere in ihr Dorf, die alle wehrfaehigen, jungen
Maenner mitnahmen, um einen aussichtslosen Krieg zu fuehren, von dem kein Soldat
mehr nach Hause kam.“
Vielleicht gelang es mir mit dieser Anekdote Rudi
etwas aufzumuntern und hoffte, dass wir ihm noch dankbar fuer seinen Fehler sein
konnten.
Wir stapften geduldig weiter und erreichten eine Lichtung. Gespannt
schritten wir durch einen steinernene Torbogen und standen in einem
Gemuesegarten. Hier schien also jemand zu wohnen. In einem maechtigen Felsen
waren Hoehlen hineingehauen, die als Behausung dienten. Den Vorwand, einen Tee
trinken zu wollen, machte ich uns mit der chinesischen Begruessung "nihao,
nihao" bemerkbar.
Erst nach dem dritten Ruf, kam ein kleiner drahtiger Daomoench aus
einem der Hoehlenzimmer geschlichen. Ich fragte ihn nach Tee. Sogleich bat er
uns auf ein Hochplateau in seinem Garten, wo einige kleine Schemel um einen
Tisch gestellt waren. Mit ruhiger Hand schenkte er uns wohlduftenden Jasmintee
ein. Meine spaerrlichen Chinesischkenntnisse reichten aus, um einige Dinge ueber
den Moench zu erfahren. Er war bereits vierzig Jahre alt und davon lebte er
schon sieben Jahre lang alleine in den Bergen. Ich haette ihn bestimmt zehn
Jahre juenger geschaezt als er tatsaechlich war. Er war ruhig und ausgeglichen,
zugleich wirkte er lebendig. Er ernaehrte sich von seinem Selbstangebauten und
dem wenigen, was das Kloster im Tal ihm beisteuerte, wie zum Beispiel Reis.
Ungezwungen sassen wir zusammen. Er blaetterte ihn unserem Sprachfuehrer,
wobei er nur den Bildern Beachtung schenkte. Laechelnd zeigte er auf ein Bild,
wo Fleisch in der Sonne zum Kauf angeboten wurde. Es stellte sich heraus, dass
er Vegetarier war.
Ueberraschend gut verstand er mein Chinesisch. Vielleicht
hatte er einfach nur die noetige Ruhe, die man braucht, um einem Auslaender
zuzuhoeren. Die stressigen Grossstadtchinesen hatten zumindest oftmals zuwenig
Gedult, um mir folgen zu koennen. Seine Ruhe ausnutzend, probierte ich mein
Mandarin gleich weiter aus. Die Frage, ob er chinesisches Schach spielen konnte,
bejahte er. Matthias zog ein viereckiges Stoffetui aus seinem Rucksack und baute
eine Partie auf. Da wir das faszinierende Brettspiel erst vor einem Monat
erlernten, machte ich ihm begreiflich, dass wir zu Dritt gegen ihn spielen
wuerden. Er war merklich ueberrascht, dass wir als Auslaender chinesisches
Schach spielen konnten und auch noch eines mit uns fuehrten.
Mit einem
angewachsenen Laecheln summte er vor sich hin, wahrend er sich auf das Spiel
konzentrierte. Wie bereits vermutet beherrschte er das Spiel in dem er die
Offensive uebernahm. Jedes Mal wenn wir aufsprangen und uns freuten aus einer
kniffligen Situation zu kommen, zeigte er uns den aufgerichteten Daumen und
sagte "Very good, very good" ohne das Laecheln in seinem Gesicht zu verlieren.
Wir holten ein Remis heraus. Wahrscheinlich hatte er es so gedeichselt, da
er uns nicht besiegen wollte.
Da ich neugierig war, wie der Moench hauste,
fragte ich ihn, ob ich einen Blick in eines seiner Hoehlenzimmer werfen duerfe.
Er rollte langsam das Mueckennetz des ersten Zimmers hinauf. Es beinhaltete ein
kleiner Altar und zwei Betten. Die naechste Hoehle war ein spaerrlich
eingerichtete Kueche und der letzte Raum entpuppte sich als Tempel. Auf der
Stirnseite war eine daoistische Gottheit aufgestellt. Es schien, als hatte er
die Figur selber hergestellt.
Er beschmierte ein Drahtgeruest mit einer
Matsch-Stroh-Mischung, bis eine Art sitzende Buddhastatue entstand. Dies sah
alles sehr provisorisch aus. Der Matschhaufen und die Strohreste in der Ecke
liessen mich vermuten, dass die Heiligenfigur noch nicht vollendet war. Der Kopf
der unvollkommenen Gestalt war mit einem Tuch bedeckt. War der Kopf noch nicht
fertiggestellt oder hatte es einen religioesen Grund, dass der Kopf verhuellt
war? Ich behielt die Frage fuer mich. Alle Raeume waren kunstvoll aus dem
grau-weissen Fels gehauen. Die Decken waren mit stilvollen Reliefs verziert.
Wir machten uns an den Abstieg, damit wir noch bei Helligkeit ankommen
konnten. Nach etwa einer Viertelstunde machten wir eine Pause. Es war eher eine
Gedenkpause, da ich mit dem Gedanken spielte, den Moench nochmals zu besuchen,
vielleicht sogar fuer laengere Zeit. Es war eine aufregende Vorstellung, einige
Tage den Lebensgewohnheiten des Moenchs folgen zu koennen. Ich fragte Matthias,
ob er Lust haette, etwas Ausgefallenes zu machen. Als er nickte rannte ich den
ganzen Pfad wieder hinauf. Noch vor dem Erreichen seines Gartens rief ich:
„Pengyou, Pengyou“ (Freund, Freund)
Er stand noch an der gleichen Stelle, an
der er stand, als wir ihn verliessen. Laechelnd reichte er mir das im geschenkte
Schachbrett. Er dachte tatsaechlich, dass ich wegen des Schachbretts wieder
gekommen war. Ich lehnte ab und fing an zu sprechen. Ich musste jedoch eine
wenig innehalten, da ich ausser Atem war. Ich spuerte meinen Puls an den
Schlaefen pochen. Ich schnappte Luft und fragte ihn, ob er etwas dagegen haette,
wenn wir uebermorgen nochmals zu zweit fuer zwei oder drei Tage bei ihm
naechtigen koennten. Er hiess uns willkommen und wuenschte mir „yi lu ping an“
(einen friedlichen Weg)
Ich freute mich riesig, dem Touristenstrom
entfliehen zu koennen. Endlich gelang es mir wieder, aus dem Gewoehnlichen
auszubrechen. Bestimmt gab es bei dem Moench vieles zu lernen oder einfach nur
die Chance in sich zu kehren. Auch Matthias freute sich. Nur Rudi war traurig,
da sein Urlaub bald zu Ende war und er nach Peking zurueckkehren musste.
Meine daoistische Erzaehlung hat sich nun bewahrheitet. Das Missgeschick von
Rudi bescherte uns eine interessante Begegnung. Den daoistischen Moench zu
treffen war moeglicherweise wertvoller, als irgend ein Berggipfel zu besteigen,
wo man von Souvenirshops begruesst wird. Und nun noch die Moeglichkeit, einige
Tage in den Bergen einen Moench zu begleiten, uebertraf jegliche Erwartungen.
Und jetzt heisst es erst einmal abschalten vom hektischen China, wo aber
Millionen Menschen, schreien, lachen, schimpfen, hupen, schmatzen, grunzen und
spucken.
Jetzt tritt Ruhe ein.