Im Schatten des Staudammes


Von Sezuan fuhr ich mit dem Nachtzug nach Chongqing, wo ich fast den ganzen Tag warten musste, bis das Schiff den Yangtze hinunter fuhr. Es war schrecklich sich in Chongqing zu bewegen. Obwohl die Grossstadt 3,8 Millionen Einwohnern zaehlte, zeigten die Kinder auf einen Auslaender, wie mich, mit Fingern, junge Maedchen hielten sich schuechtern die Hand vor den Mund und die Jungs versuchten mit „Hallo-Hallo“-Rufen meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Laengere Zeit irgendwo stehen zu bleiben, ohne Mittelpunkt eines Menschenauflaufs zu werden, war unmoeglich. Heute war einer der Tage, wo ich es nicht ertragen konnte zuviel Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich blieb immer in Bewegung. Unter meinem Regenschirm versteckt, schritt ich die bergigen Gassen der Altstadt auf und ab, bis meine Hose vor Naesse triefte. Der Regen schien nicht mehr aufzuhoeren.
Endlich durfte ich aufs Schiff. Ich betrat eine Kajuete, die aus sechs staehlernen Stockbetten bestand, die bei jeder noch so kleinen Bewegung quitschten. Zusaetzlich gab es noch einen kleinen Tisch auf dem ein flimmernder Fernsehapparat stand und ein Waschbecken ueber dem ein Spiegel hing.
Ein einheimisches Paearchen hatte bereits das Zimmer bezogen. Stolz erzaehlten sie, dass sie aus Peking kaemen. Schliesslich hatten sie die gleiche Motivation wie ich, die Yangtzefahrt zu unternehmen. Sie wollten, bevor der riesige Staudamm gebaut wurde das Naturschauspiel der drei Schluchten bewundern, bevor an ihrer Stelle ein 550 km langer See entsteht.
Das Paearchen war sich einig, dass der Damm eine gute Sache fuer China sei. Als erstes koenne das unkontrollierte Uferuebersteigen des Flusses eingedaemmt werden. Sie hoerten des oefteren im entfernten Peking, dass bei diesen Flutkatstrophen viele Menschen ihr Leben verloren haetten. Zweitens koenne mit den sich in der Staumauer befindliche Turbinen ein Fuenftel des gesamtchinesichen Strombedarfs produziert werden. Und als netten Nebeneffekt verwandle sich der braune Fluss in einen klaren See, wenn die gesamten Schmutzpartikel zum Grund sinken. Der See koennte also auch als Trinkwasserspeicher genuzt werden. Die Frage, ob sie vor dem gewaltigen Monstrum Angst haetten, verneineten beide, indem sie heftig mit den Koepfen schuettelten. Nachdem der untersetzte Mann nach einer kurzen Pause seine aufgerauchte Zigarette in den Fluss schnippste, reicht er mir ein Propagandaprospekt der Regierung, wo ich selbst in englisch nachlesen konnte, was er mir zuvor berichtet hatte. Als er spaeter wieder einmal eine Zigarette am Fenster rauchte, nutzte ich die Gelegenheit mich zu dem Hauptstaeder zu stellen. Ich zeigte auf die heruntergekommenen Haeuser, die bald ueberflutet werden wuerden und fragte ihn, was mit denen geschehen mag, die unterhalb des zukuenftigen Yangtzewasserstandes laegen. Die werden einfach einige Meter nach oben ziehen, sagte er ohne lange zu ueberlegen. Sie werden, dass alte Haus abbauen und die Steine wieder fuer den Bau eines neuen Zuhauses verwenden. Meine naechste Frage zielte auf die Armen ab, die kein neues Haus bauen konnten. Er blieb stumm. Als ich fragte, ob diese eine Unterstuetzung von Peking bekaemen, begannen beide wieder heftig mit den Koepfen zu nicken.
Gegen abend sprach ich einen Weissen an. Ich hofte darauf, dass er englisch koenne. Ich wollte mich mal wieder fluessig mit jemandem unterhalten. Ich hatte Glueck, da er Amerikaner war. Freeman war ein grosser haariger Typ und kam aus South Carolina. Ich haette wetten koennen, dass auch Haare auf seinem Ruecken wucherten. Spaeter bot er mir einen Apfel und eine Instantsuppe an, die alle Chinesen zu essen pflegen, wenn sie auf Reisen sind. Man musste nur Wasser zugeben und einige Minuten die Nudeln einweichen lassen. Genau solche Nudelpackungen trieb die Stroemung des Yangtzes an unserem Boot vorbei. Um das Abendessen zu vervollstaendigen, kaufte ich zwei Flaschen Bier. An Deck war es zu windig und zu laut, um sich zu unterhalten, so dass wir in meine Kajuete gingen. Es war bereits halb neun Uhr abends und die anderen schliefen schon. Sie liessen sich nicht durch unsere Unterhaltung stoeren. Chinesen sind in der Regel laermunepfindlich und damit auch sehr laut, wenn sie wach sind, wie unsere kartenspielenden Nachbarn zum Beispiel.
Als ich entdeckte, dass das Bett ueber mir noch frei war, fragte ich Freeman, ob er nicht zu mir ziehen wollte. Spontan entschied er sich dafuer, da es bei ihm nur Chinesen gab, die er nicht verstand und erfahrungsgemaess spaetestens um fuenf Uhr morgens aufstehen. So waren wir wenigstens zwei, die morgens laenger schliefen. Wie die meisten Amerikaner, die ich auf meinen Reisen getroffen hatte, verdiente er sein Geld als Englischlehrer. Er unterrichtete japanische Schueler in Tokio fuer ein Jahr. Zum Abschluss reiste er ueber Korea und China nach Hong Kong, um dort seinen Rueckfllug in die Staaten anzutreten. Abwechselnd holten wir Bier, waehrend unsere Zimmerkompanions tief schliefen. Als wir ein wenig angesaeuselt waren, zog ich eine 20-Dollarnote aus meinem Geldbeutel und streckte sie ihm hin. Waehrend ich ihm den Schein unter die Nase hielt, fragte ich ihn:
„Weisst Du was das ist?“
„Wir Amerikaner sind nicht alle so doof, wie die ganze Welt glaubt.“ Er hielt den fuer ihn gewohnten Schein in der Hand, ohne ihn anzusehen.
„Na, sag schon was das ist!“ forderte ich ihn erneut auf. „Natuerlich sind das zwanzig Dollar. Bis Du jetzt zu frieden?“ entgegnete er genervt.
Ich wurde aufdringlicher: „Schau mal genau hin! Was ist darauf abgebildet?“ Er sagte etwas abwertend: „Das Weisse Haus natuerlich!“ und blickte mich mit Unverstand an, da er nicht wusste worauf ich hinaus wolte.
Ich riss ihm den grau gruenen Schein wieder aus der Hand und falltete ihn nach einer bestimmten Technik. Als ich fertig damit war streckte ich ihm die gefalltete Banknote wieder hin:
„Und was ist das?“
Ich zeigte mit dem Finger auf ein Gebaeude, dass durch das Falten neu entstanden war.
„Ich weiss nicht, was das sein solle.“ Etwas Ungeduld schwang in seinem Ton mit.
„Es koennte sein, dass das Gebaeude das Pentagon ist, nachdem ein Flugzeug hineingestuerzt ist, oder?“
Aus dem Flachbau stiegen dicke Rauchwolken auf.
„Oh my God, das koennte von der Form her durchaus das Pentagon sein.“
Noch bevor er mehr sagen konnte, drehte ich das gefaltete Papier um.
„Und was ist das?“
Sein Gesicht wurde schlagartig blass.
„Oh Jesus!“
Er hielt sich die Hand vor den Mund. Es waren die Twintower des World Trade Center zu sehen. Aus dem rechten Turm kamen Rauchwolken aus der Spitze. Der linke Tower wurde etwas weiter unten von dem zweiten Flugzeug getroffen. Die Proportionen stimmten mit der Realitaet erschreckend genau ueberein. Aufgeregt suchte er das Druckdatum der Banknote.
„Das kann nicht sein! Der 20-Dollarschein wurde 1996 gedruckt und das Geschehnis ereignete sich am 11. September 2001. Das ist ein Desaster!“
Ohne irgendwelche Verschwoerungstheorien aufzustellen, blickte er in meine Augen und sagte:
„Anfangs war ich sprachlos. Ich war entsetzt ueber die Verletzbarkeit unserer Nation. Der 11. September entwickelte patriotische Gefuehle in mir, von denen ich nicht einmal wusste, dass diese existieren.
Andererseits sah ich darin eine Chance fuer alle Amerikaner, darueber nachzudenken, warum man uns so hasst. Das darf er in der amerikanischen Oeffentlichkeit nicht sagen. Als der Schrecken des 11. Septembers noch tief sass, wurden Journalisten entlassen, die kritische Toene aeusserten. Jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Es ist etwas Gras darueber gewachsen. Leider vermisst er nach wie vor eine kritische Eroerterung dieses Geschehnisses. Die meisten Amerikaner glauben jedoch George W. Bush, der seine Ueberlegungen an dem Punkt enden liess, dass es boese Menschen gewesen seien, die das taten. Es gaebe dafuer keinen Grund. Fuer Bush ist es politisch gesehen die einfachste Loesung. Und selbst Krieg zu schueren ist in Zeiten, wo ein neuer Kongress gewaehlt wird innenpolitisch sehr wirkungsvoll.“
Lautes Klingeln und eine quaeckende Ansagerin riss mich aus dem Schlaf. Die Lautsprecher ueberschlugen sich. Ich verstand kein Wort. Als ich zehn Minuten spaeter auf dem Deck stand, sprach mich eine Aerztin aus Shanghai an, waehrend unser Schiff anlegte. Sie verbrachte einige Zeit ihres Lebens in Seattle, desswegen war ein starker amerikansicher Aktzent zu hoehren. Nach dem wir kleine Nettigkeiten austauschten, fragte ich sie, ob der Temple, der auf einem Huegel die Stadt ueberblickte nach dem Bau des Staudammes unter Wasser stuende. Sie sei sich nicht genau sicher, glaube jedoch, dass der Yangtze alle Haeuser verschlingen wird, die wir im Moment sehen. Auf meine Frage hin, ob sie den Bau des Dammes befuerworten koennte, wurde sie nachdenklich und still. Sie gab sich einen Ruck und sagte, dass niemand fuer die Sicherheit der Bevoelkerung garantieren koenne. Dies duerfe sie jedoch nicht laut aeussern, da das Kritik an der Regierung sei, auf welche die Chinesen fuer gewoehnlich empfindlich reagieren. Schon einmal kollabierte 1975 in der Provinz Henan eine Staumauer. Zwanzig Jahre lang konnten die Verantwortlichen dies als Staatsgeheimnis hueten. Erst dann kam heraus, dass ueber 200.000 Menschen in dieser Katastrophe das Leben lassen mussten. Kaum dass die Rampe angebracht war, die unser Schiff mit dem Steg verband, drehte sie sich von mir ab und ging an Land.
Die vor uns liegende Stadt Fengdu wurde „Geisterstadt“ genannt. Freeman und ich muehten uns die verschmutzten Treppen hinauf. Die leeren und heruntergekommenen Wohnhaeuser und die verlassenen Laeden wirkten im Morgengrau mystisch und daemonisch. Die Vorstellung, dass in Zukunft die Stadt ueberflutet sein wird, verstaerkte das Gefuehl der Geisterstadt. Alle vorausblickenden Menschen haben die Stadt verlassen. Es kommen auch keine neuen Bewohner mehr nach. Die Zuhausegebliebenen sind meist die, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen oder sind Geschaeftsleute, die aus dem grossen, alltaeglichen Tourismusansturm Profit herausschlagen. Sie verkauften kunsvoll bemalte Masken, deren Vissagen meist qualvolle oder verzerrte Fratzen darstellten. Weiter schritten wir an spaerrlich bewohnten Haeusern vorbei. Es war offensichtlich, dass niemand mehr die noetigen Instandhaltungsarbeiten taetigte.
Sofort fiel uns das rosafarbene Licht auf, dass aus vielen Kaemmerchen in den grauen Morgen hinausleuchtete. Schon von Weitem waren nackte Beine zu sehen. Gelangweilte oder sich schminkende Huren sassen nahezu bewegungslos da, ohne sich um Kundschaft zu scheren.
Wir schritten abgetretene Steinstufen nach oben. Das regnerische Wetter unterstrich die duestere Atmosphaere. Der Weg fuehrte uns an zahlreichen Pagoden vorbei, in denen von alten Menschen Schattenboxen oder Taijichuan ausgeuebt wurde. Mit ihren langsamen, gleichmaessigen und energiereichen Bewegungen schienen sie die Geister von sich fernzuhalten. Ein alter Greis erzaehlte uns, dass die oberste Pagode nicht in der schlammigen Flut des Yangtzes untergehen wuerde. Im Mittelpunkt einer kleinen Insel koenne sie weiterbestehen. Die Pagode bot uns einen weiten Ausblick auf die grauen, verwahrlosten Haeuser und eine riesige Tempelanlage. Jede einzelne Pagode, jedes einzelne geschwungene Dach der alten Tempelanlage und auch jeder einzelne Wohnraum der einst zum Verbringen des Lebensabends einiger alten Menschen gedacht war, wird in baldiger Zukunft zu einer Unterwasserstadt verwandelt. Wir blickten auf die Uhr und stellten fest, dass wir uns beeilen mussten, da das Schiff bald ablegen wuerde. Es waere schlimm an so einem jaemmerlichen Ort zurueckgelassen zu werden.
Auf dem Weg zum Schiff sprach ich kurz mit zwei huebschen Londonerinnen. Sie hatten wenig Interesse an dem Damm. Ihre einzige Aufmerksamkeit beschrenkte sich auf ihren Passport, den sie in Xian im Hotel gelassen hatten. Es schien, als koennten die zwei Schoenheiten vor lauter Aerger die Natur nicht mehr geniessen. Den restlichen Tag fuhren wir mal an engen Flusstellen mit schneller Stroemung und mal an breiten Stellen mit gemaechlicher Stroemung. Vereinzelt sah man kleine Steinhuetten am fruchtbaren Ufer. Hier schien es noch niemanden zu interessieren, was in einigen Jahren geschehen wird. Alles schien seine geordneten Wege zu gehen.
Noch in der morgentlichen Dunkelheit, bevor die Sonne aufging, stand ich auf dem Vorderdeck. Uns wurde angekuendigt, dass wir bald durch die erste der drei Schluchten fahren sollten. Ich fragte eine vollbusige Blondine mittleren Alters, ob wir den Sonnenuntergang in der Schlucht erleben koennten. Sie war aus St. Petersburg und berichtete davon, dass sie von einem Reisebuero beschissen wurde. Die Russin hatte 850 Euros fuer ihre Kajuete bezahlt. In dem Zimmer mit Panoramablick wohnte sie zusammen mit ihrer Freundin. Nach dem sie ihre Zigarette bis zum Filter aufgeraucht hatte, zog sie sich in ihr Luxuszimmer zureuck.
Kurz vor dem Sonnenaufgang kamen die ersten Andeutungen von Licht, die uns die Konturen der maechtigen Schlucht erahnen liessen. Schlechtwetterwolken und Nebelschwaden verhuellten den Himmel, so dass das Morgenrot nur hauchduenn dem Yangtzefluss den Tag ankuendigen konnte. Das Schiffhorn ertoente. Die Schwingungen schienen alles zu durchdringen, bis ins Unendliche. Ploetzlich begann es zu regnen. Schlagartig waren alle Chinesen weg, so dass ich alleine in dem Naturschauspiel stand. Der Wind in Kombination mit dem kalten Regen sorgten fuer ein unangenehmes Ambiente. Ich konnte aber nicht von dem Naturspektakel lassen. Erst als die vollbusige Russin mich zu ihnen ins Zimmer bat, konnte ich mich aus einer Art Leichenstarre bewegen. Von dem gepolsterten Ledersessel aus konnte ich das Szenario weiter beobachten. Der einzige Unterschied war, dass die schuetzende Scheibe das Unwetter abhielt. Mir wurde ein heisser Tee eingeschenkt. Langsam kamen wir ins Gespraech. Vierzig Tage lang dauerte ihre alljaehrliche Reise. Sie verdiente als Fahrschullehrerin 1000 Euro im Monat. Ihr Freundin war Aerztin und bekam ein mikriges Monatsgehlat von 100 Euro ausbezahlt. Um ihr Gehalt aufzubessern halfs sie in der Fahrschule aus. Es schien, als sei ich der erste Mensch auf ihrer Reise mit dem sie redeten. Ohne zu fragen, waren sie bereit alles ueber sich preiszugeben. Es dauerte nicht lange, da hatte ich ein Glas schottischen Wisky in der Hand - Nastrovje und ab in die Mitte. Wie ein Feuerball brannte das Teufelszeug meine Kehle hinunter in den nuechternen Magen. Waehrend ich ein Stapel Postkarten von St. Petersburg durchblaetterte, fragte ich sie, was sie denn vom geplanten Staudamm hielten. Sie glaubten, dass das 20-Miliardenprojekt ernsthafte, oekologische Probleme mit sich bringen wuerde. Ausserdem muessten, bevor das Wasser aufgestaut werden koenne, 2 Millionen Menschen umgesiedelt werden. Sie waren keine Befuerworterinnen des Dammes, schliesslich wuerde das jetztige Natuerschauspiel vernichtet und die Gebiete flussaufwaerts fuer mehrere Jahre gestoert Nachdem ich eine der Russinnen spaeter wieder traf, bot sie mir an, ihr Luxuszimmer zu uebernehmen. Das Zimmer waere bis Wuhan bezahlt. Sie wollten aber schon aus Zeitgruenden einen Tag frueher in Yichang von Bord gehen. Ich hatte meine drittklassige Unterkunft von Anfang an nur bis Yichang bezahlt. Ohne der Russin dies zu sagen, nahm ich an und veraenderte spontan meinen Reiseplan. Den Nachmittag verbrachten Freeman und ich bei den Russinen. Ich zeigte ihnen meinen Reisefuehrer, von dem sie hin und weg waren. Ich sagte ihr, dass sie die ungefaehren Preise fuer Uebernachtung, Eintritt, Transportkosten und Essen im Reisefuehrer nachschlagen koenne. Zusaetzlich koenne sie dem Buch Informationen, wie Stadplaene, wann und wo ein Bus zum Flughafen losfaehrt, was der Bus kostet und vieles mehr entnehmen. Mit einem Reisefuehrer sei sie nicht mehr der Willkuehr von Reiseveranstaltern und anderen Zwischenhaendlern ausgeliefert. Fuer das Luxuszimmer lehrten wir sie, wie man preiswert reist. Sie werden in Zukunft viel Geld sparen koennen. Ich glaube sie waren uns fuer die praktischen Tips sehr dankbar.
Das Schiffshorn ertoente. Wir legten am Steg einer Stadt an, die von Yangtze nur halb verschlungen werden wuerde. Von Bord aus war genau eine Grenze auszumachen, wohin der zukuenftige Wasserstand reichen wuerde. Es war auch ein Schild an der Stelle angebracht mit der Aufschrift ¡°175 Meter¡±. Zusaetzlilch wurde diese Grenze durch frisch renovierte Haeuser oder gar Neubauten kenntlich gemacht. Die meisten Menschen waren bereits in den oberen Teil der Stadt gezogen. Die nutzlosen Haeuser waren Stein fuer Stein abgetragen worden, um deren Baustoffe weiter nutzen zu koennen. Die Ruinen glichen einem Schlachtfeld. Wenn man nicht wusste, was sich hier abspielte, koennte man glauben, dass es sich um ein Kriegsgebiet handelte. Ich hatte beim Anblick dieser zweigeteilten Stadt ein mulmiges Gefuehl.
Als ich durch die Truemmerhaufen kletterte, entdeckte ich, dass an vereinzelten Stellen wieder von Neuem Menschen ansiedelten. Arme Leute schlugen dort ihre Zelte auf. Noch eine Weile konnten sie direkt am Fluss in bester Lage wohnen. Ueberall wird hart gearbeitet. Es wurde gehaemmert, geschaufelt, Steine geschleppt, Baueisen von Beton befreit, Naegel aus Hoelzern gezogen, geschweisst, geflext und natuerlich auch Pause gemacht, gegessen und sogar geschlafen. Die Arbeiter sprangen zur Seite, als ein Bagger eine Hauswand einriss und der Bauschutt auf die Strasse knallte. Es herrschte Gelassenheit. Sobald der Rauch sich ein wenig verfluechtigt hatte, draengten sich Motoradfahrer an den festgesetzten Autos vorbei.
Ich war beruhigt, als unser Schiff wieder ablegte und weiter den Yangtze Fluss abwaerts fuhr. Allmaehlich brach die Daemmerung ein.
Nachts, als wir alle schliefen, schlich unser Schiff am Staudamm vorbei, so dass wir alle das umstrittene Bauwerk verpassten. Vielleicht war dies eine Anordnung der Pekinger Machthaber oder einfach nur Zufall. Wir werden es nie erfahren. Wir blieben also ueber den Stand der baulichen Massnahmen und die Dimensionen des Ungetuems ahnungslos.