Alibaba in Libyen



Noch das große Gemälde in der Empfangshalle des Flughafens von Gaddafi in Gedanken, wie er arrogant auf das Volk hinabblickte, bog der weiße Mercedes Vito in ein Camp ab, in dem ich für die nächsten Monate wohnen sollte.
Mitten im Nichts, 5 km entfernt von einem kleinen Dorf, das ohne Moschee gar nicht erwähnenswert wäre, haben die Inder für uns ein Dutzend Wohn-Container aufgestellt.
Die Wüstensonne brannte auf die Metalldächer, so dass die lärmenden Klimageräte angeschaltet werden mussten. Es gab keinerlei Freizeitbeschäftigung und leider ließen uns die Inder nur 8 Stunden am Tag arbeiten, da sonst die Experten aus Deutschland zu viel Geld gekosten hätten. Das Leben ähnelte einem Mönchsleben. Ich verbrachte meine Freizeit mit Joggen und dem Malen von chinesischen Schriftzeichen. Manchmal war das Gestöhne von Esel zu hören.
Zum Glück hatten wir nur einen Tag in der Woche frei: den heiligen Freitag.
Man konnte nicht gerade behaupten, dass man sich durch den Arbeitsalltag von Freitag nach Freitag hangelte. Nur manchmal, wenn wir unseren Fahrer mobilisieren konnten, führen wir z.B. in eine noch unentdeckte Altstadt, die noch vorher zu Staub zerfällt, bevor Touristen ins Land gelassen werden, um diese zu bestaunen. An einem anderen Freitag kauften wir Kamelfleisch und grillten es, oder wir schwammen im Mittelmeer, wobei Säulen einer römischen Ruine uns Schatten spendeten.
Der Fahrer fand gefallen daran uns sein Land zu zeigen.
An einem andern Freitag fragten wir unseren Fahrer, ob er keinen Platz wüsste, wo man Kamele reiten könnte. Das müsst doch möglich sein in der Wüste.
Er fuhr und fuhr mit seinem weißen Vito. Irgendwann bog er auf eine Sandpiste ab.
Fragend schauten wir uns an, als er in Richtung einer Gruppe wilder Kamelie beschleunigte.
Abrupt bremste er. Wir sollen aussteigen. Als er ohne uns losfuhr, kamen wir uns etwas verloren vor alleine in der Wüste stehend. Ich betrachtete einen Kamelschädel ein anderer das Gerippe.
Unser Fahrer raste noch immer den Kamelen hinterher, die vor dem Verrückten flüchteten. Als die Meute vor seinem Bus unsere Richtung einschlug, machte er unverständliche Zeichen aus dem Fenster. Erst als die Kamele an uns vorbeigaloppierten wurde mir klar was unser Fahrer im Sinn hatte. Etwas enttäuscht blickte er drein, da wir nicht auf die Kamele aufgesprungen waren.
Auf dem Nachhauseweg zeigt er uns eine sehr sonderbare Gegend. Es schaute aus, wie überall hier, Sand soweit das Auge reichte und im Hintergrund sandfarbene Berge. Doch in der Tat es war ein magisches Plätzchen. Er hielt den Wagen an und machte den Motor aus. Als das Vehikel zum Stehen kam staunten wir. Das unfassbare war, dass der Wagen aus eigener Kraft bergauf rollte. Wir stiegen aus und tatsächlich, die Wasserflasche rollte bergauf. Auch das verschüttete Wasser wand sich den Berg hinauf. Um magnetische Kräfte konnte es sich also nicht handeln. Haben wir es mit einer optischen Täuschung zu tun? Ich war mir nicht sicher, ob der Fahrer sich bewusst war, um was für ein Phänomen es sich hier handelte. Ohnehin konnte von uns keiner arabisch verstehen, so dass wir die Wahrheit nie erfahren würden. Mir schien die Gegend sehr sonderbar, geradezu mystisch.
Weiter fuhren wir durch die Wüste und lauschten den arabischen Klängen. Wir hörten immer wieder die selbe Kassette. Die quirlige Musik schien nicht mehr so aufdringlich wie zu Beginn.
Die zwei indischen Arbeitskollegen überredeten den Fahrer an einem Kaufhaus anzuhalten. Schnell besorgte ich meine Einkauf. Vieles gab es ohnehin nicht einzukaufen. Außerdem mussten wir keine Besorgungen leisten. Die Inder kochten drei Mal am Tag für uns. Wir hatten quasi Vollpension.

Jemand reichte mir ein süßlich duftende Zigarette. Ich zog daran.
Plötzlich versammelten sich kräftige Männer um uns. Ein weglaufender indischer Arbeitskollege wurde aufgehalten, geradezu bedrängt. Ich überlegte, mich einzumischen. Doch dann wurde der 55 jährige gesetzte Mann als Dieb beschimpft. Er konnte unmöglich ein Dieb sein. Ich hatte ihn als einen aufrichtiger Ingenieur, der in den letzten Monate eifrig mit mir zusammengearbeitet hatte, kennen gelernt. Ruhig schaute er den kräftigen Mann an, der als Hauptankläger hervorstach. Er zeigte seine Handflächen, um seine Unschuld zu gestikulieren.
Der Araber fuchtelte erregt umher und schenkte einem alten Greis seine Aufmerksamkeit. Des alten Mannes Gesicht war mit einem weißen Tuch umwickelt. Wahrscheinlich war er ein Tuareg. Er fluchte furchtbar und zeigte mit seinem krummen Stock auf die Beine meines indischen Arbeitskollegen.
Der kräftige Mann bückte sich und zog die Hosenbein des Inders nach oben. Ich traute meinen Augen nicht. Sein Socken war mit einem kleinen Gegenstand ausgebeult. Noch immer wirkte der Inder cool und gelassen. Er wusste nicht, wie das Deodorant da hin kam, dass in der Faust des kräftige Mann verschwand.
Es versammelten sich immer mehr Neugierige um uns. Die Aggression der Ankläger spitzte sich zu. Erst als das zweite Hosenbein eine weitere Ausbeulung der Socken entpuppte, verließ ihn sein sicheres Auftreten.
Der kräftige Araber zerrte ihn zurück durch den Laden in ein Hinterzimmer. Andere bauten sich vor uns auf, um uns zu erkennen zu geben, dass wir hier draußen warten sollten. Ich lief zu unserem Bus und forderte unseren Fahrer auf, die Situation zu besänftigen oder zumindest als Übersetzer zu dienen.
Ich hatte keine Ahnung was nun passieren sollte. Wird jetzt die Polizei gerufen und der Inder in ein dunkles libysches Verlies geworfen?
Keine Sirenen, nichts. Selbst nach einer viertel Stunde kein Anzeichen eines Polizeieinsatzes.
Verübten die Ladenbesitzer Selbstjustiz, so wie man das aus Nachrichtenszenen kannte? Plötzlich kam ein Gruppe Menschen aus dem Kaufhaus. Der kräftige Mann von vorher legte uns nahe den Inder nach Hause zu schicken. Er habe erfahren, dass er für uns arbeiten würde. Es sei unsere Pflicht diesen unwürdigen Mann in sein Heimatland zu schicken. Auf jeden Fall sollte er so schnell wie möglich arabischen Boden verlassen.
Keiner von uns Deutschen sagte irgend etwas. Was sollten wir den sagen?
Auch wenn wir wollten, könnten wir den Inder nicht nach Hause schicken. Schließlich waren wir als Berater für die Inder tätig. Die Inder hatten die Macht uns nach Hause zu schicken und nicht umgekehrt.
Sie schupsten den Dieb in unsere Richtung. Eine Hand schlug ihn auf den Kopf, so dass seine Frisur zersauste. Ein Anderer spuckte ihm ins Gesicht. Wir packen den Inder und marschieren zielstrebig zum Bus. Aggressive arabische Worte schlugen durcheinander auf uns nieder. Es kam mir vor wie ein Spießrutenlauf. Ich schob ruckartig die Schiebetür zu, um den armen Inder vor weiteren Schlägen zu schützen.
Der Fahrer fuhr los. Es herrschte Stille. Der Inder saß vorn und wagte nicht zurückzuschauen. Ich sagte auf Deutsch: „Am liebsten würde ich ihn jetzt fragen, was es gekostet hatte sich aus dieser Situation freizukaufen.“
Ich bekam einen strengen Blick eines älteren deutschen Kollegen, der mich verstummen ließ.
Wir fuhren vier Stunden durch die libysche Wüste. Keiner sage ein Wort, vielmehr lauschten wir den arabischen Klängen. Ich betrachtete den Mond.
Welche Gründe konnte mein Arbeitskollege haben diese Tat zu begehen?
Er verdiente sicherlich nicht so viel Geld wie wir, dennoch genug um nicht stehlen zu müssen. Geht es ihm um einen Kick, ist er Kleptomane?
Wie sollen wir nach so einem peinlichen Ereignis weiter zusammenarbeiten können? Muss ich nun Angst um mein Notebook oder meinen Schraubenzieher haben?
Wie kann ich zukünftig seine Ratschläge ernst nehmen?
Ich stelle mir das weitere Zusammenarbeiten sehr schwierig vor zumal er momentan nicht einmal in der Lage ist mir ins Gesicht zu schauen.


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