Morgens um sechs Uhr gehen wir auf die Strasse, um nichts vom hinduistischen
Festival Thaipusam zu verpassen. Dieses Fest wird zu Ehren des Gottes Murugan
gefeiert.
Laut der indischen Mythologie stellten die elterlichen Gottheiten
Shiva und Parvati ihren beiden Söhnen, nämlich Ganesha und Murugan, ein Rätsel.
Wer von beiden zuerst um die Welt gelaufen sei, bekomme zur Belohnung eine
saftige Mangofrucht geschenkt.
Murugan rannte gleich los, um sich einen
Vorsprung zu verschaffen. Ganesha jedoch hielt einwenig inne und machte sich
zuerst einige Gedanken über das elterliche Rätsel.
Schließlich begriff
Ganesha, dass seine Eltern das gesamte Universum und somit die ganze Welt
symbolisieren. Shiva und Parvati sind Statik und Kinematik, Anziehungskraft und
Abstoßung, Explosion und Implosion und damit alle nötigen Kräfte, die das
Universum zusammenhalten. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass Ganesha einmal
um seine Eltern kreiste und damit die Mangofrucht bekam.
Als später Murugan,
der einmal um die ganze Welt gelaufen war, ankam und den klügeren Ganesha mit
der Mango in der Hand entdeckte, wurde er furchtbar wütend und verließ seine
Eltern.
Im übertragenen Sinn fährt ein wertvoller und buntgeschmückter
Wagen, der aus reinem Silber besteht, von dem Shiva-Tempel in der Stadt auf den
Berg, wo der Murugan-Tempel liegt. Dies soll die Flucht Murugans von seinen
Eltern darstellen.
Nun kommen die Gläubigen und die hingabevollen Devotes, die den
zürnenden und erhitzten Gott besänftigen wollen, damit er zu den Eltern
zurückkehre. Das Besänftigen des Gottes Murugan wird jährlich mit dem Marsch der
Gläubigen von allen hier existierenden Tempel zum Murugan Tempeln symbolisiert.
Wir beginnen bei einem ganz bestimmten Tempel, der uns im Vorfeld empfohlen
wurde.
Plötzlich entdecken wir einen
Platz, auf dem die Malaien indischer Abstammung in Gruppen zusammenstehen und
fürchterlich laut "wel - wel" schreien. Das Wort kommt aus Südindien und
bedeutet aus der tamilischen Sprache übersetzt "Dreizack". Auf fast allen
Abbildungen Shivas kann man erkennen, dass die Gottheit einen Dreizack, der
einer Mistgabel mit drei Zinken gleicht, in der Hand hält.
Bei einer anderen Gruppe beginnt einer
der Devotes verzweifelt und apathisch zu schreien. Von allen Seiten brüllen die
Hindus spirituelle Mantras dicht in seine Ohren, damit der Verzweifelnde sein
eigenes Schreien nicht mehr wahrnimmt. Schließlich beruhigt er sich wieder, so
dass sein Helfer die quälende Arbeit fortsetzen kann, die vielen kleinen
Milchkännchen mit spitzen Haken an seinem Oberkörper zu befestigen.
Erst durchdringt der Stab die eine Backe, dann die andere, so dass
der Dreizack auf beiden Seiten des Kopfes gleichlang heraussteht und der
silbernen Stab dem Freiwilligen durch den Mund verläuft. Der Glatzkopf nimmt die
Zunge aus dessen Mund und der Unterwürfige erträgt mit Schmerz verzerrtem
Gesichtsausdruck das durchstechen der nun heraushängende Zunge mit einem
kunstvoll mit funkelnden Steinen beschmückten Splint, so dass die Zunge sich
nicht mehr restlos in die Mundhöhle zurückzuziehen ist. Weiter sind am oberen
Teil des Splints kleine Nadeln mit edlen Ketten befestigt, die dann gleichmäßig
im ganzen Gesicht verteilt werden. Nun ist das menschliche Kunstwerk zu Ehren
des Hindugottes Murugan vollendet und das nächste Familienmitglied macht sich
bereit, sein Kreuz zu tragen.
Mittelpunkt eines anderen
Menschenauflaufs ist ein apathisch Starrender, der, während er seine Kulleraugen
verdreht, ein riesige, zweischneidige Machete in der Hand hält. Bei ihm kann ich
den Grund seines Trancezustands nicht erkenne, auf jeden Fall würde meine
Vernunft mir es verbieten, ihm ein Messer in die Hand zu geben.
Proffesionabl, jedoch in mühevoller Arbeit, sind Stände am Straßenrand
aufgebaut, die kostenlos süße Getränke und veganes Essen verteilen. Die Fassaden
bestehen aus kunstvoll bemalten Gottesikonen, wobei natürlich Murugans Abbild
dominiert. Stets hat er einen Pfeil und Bogen auf dem Rücken, da er ja den
Kriegsgott darstellt. Hier und da sind auch rot oder orangefarbene Hakenkreuze
zu erkennen. Seitenverkehrt verwendete Hitler einst dieses Symbol, um damit die
ganze Welt zu erschüttern. Dröhnende Subwoover überstimmen die irregewordenen
Musiker und geben den Takt an. Die Strassen sind gesäumt mit sich ekelnden,
bewundernden, verurteilenden, erschrockenen und neugierigen Menschen, so dass
Schweiß, Schmutz und Gestank die Atmosphäre beherrschen.
Manchmal wird man von einem lustigen Krishnajünger oder einem anderen
Mönch aufgefordert eine Spende zu geben. Vor ihren mit Geld gefüllten
Betteltassen liegen andernorts bewegungslose Krüppel oder kranke Greise, für die
sich der Tag, mit den vielen tanzenden und lustigen Vorbeikommenden, sicherlich
lohnt. Plötzlich stehen wir vor einem bunten Tempel. Die farbenfrohe Figur über dem
Eingangstor verrät uns, dass der Tempel zu Ehren des Ganeshas gebaut wurde.
Ganesha gilt als Gott der Weißheit und der Intelligenz. Zu erkennen ist er an
dem mächtigen Elefantenkopf mit dem langen Rüssel. Natürlich hält die
hinduistische Mythologie eine Geschichte bereit, wie es geschehen konnte, dass
ein Gott mit menschlichem Körper auf einmal einen Elefantenkopf trägt.
Es
begann damit, dass die Göttin Parvati ungestört ein Bad nehmen wollte. Da sie
aber keinen Wächter zur Hand hatte, der ihr die Privatsphäre hätte bewaren
können, schuf sie aus ihrem Körperschweiß einen Sohn und bat ihn, niemanden
hineinzulassen. Der Sohn Ganesha hielt also vor der Eingangspforte Wache.
Als ihr Ehemann Shiva nach Hause kam, fand er sein Heim von einem
unbekannten Soldaten beschützt, der sich ihm in den Weg stellte und ihn nicht
eintreten ließ. Nach einem heftigen Kampf, in dem Ganesha der göttlichen Macht
Shivas unterliegt, wurde Ganesha geköpft. Als nun die Mutter Ganeshas
herausstürmte und den toten Körper auffand, verlangte sie von Shiva den Toten
wieder zum Leben zu erwecken. Shiva gab den Befehl, ihm den Kopf des Tieres zu
bringen, das als erstes gefunden wird, mit der Bedingung, dass das Tier mit dem
Haupt Richtung Norden liegt und schläft.
Der Norden wurde damals mit Weisheit und
Klugheit assoziiert und es war auch zufällig die Richtung in der der Elefant
Airavat schlief. Er wurde enthauptet und sein Schädel wurde dem Ganesha
aufgesetzt. Wir drängeln uns durch die schweißtreibende Menge im Eingansbereich,
bis wir uns im wohltuenden Schatten befinden. Seitlich sitzen erschöpfte
Menschen, obwohl es vielleicht nicht der beste Ort zum Ausruhen ist, denn es
rennen kreischende Kinder umher und mehrere hier aufeinandertreffende
Musikgruppen spielen wild durcheinander.
Auch atemberaubende, indische Schönheiten, deren schlanke Körper mit
geschmackvollen und feinen Stoffen umhüllt sind, sind von dem sie umgebenden
Trubel nur wenig beeindruckt. Ihre pech-schwarzen und tiefen Augen, verstärkt
durch lange Wimpern, strahlen eine ansteckende Ruhe aus. Diese gerät nur dann
kurz aus der Balance, wenn ihr sogenanntes "dritte Auge", das durch einen roten
Punkt symbolisiert wird, der zwischen den Augen platziert ist, einen
europäischen Mann erblickt. Die daneben sitzenden Mütter, die die Kleinkinder
sich selber überlassen, versuchen jeden Blickkontakt ihrer Töchter zu bemerken.
Wohingegen die Väter und die Söhne, wenn sie nicht aktive Mitglieder der
Prozession sind, sich trotzdem am Schmerz der mutigen Devoten beteiligen.
Auf ein Mal läuft langsam und behutsam ein älterer Mann an uns vorbei, der
seine Füße in Holzschuhe zwängte, dessen Fußbett aus Nägeln besteht, so dass der
geistesabwesende Vakir auf den Spitzen der Stahlnägel schwebt.
Nun folgen wir den Menschenmassen
und steigen den Berg hinauf, wo sich der brüderliche Murugan-Tempel befindet,
der von dort aus überlegen das Treiben, das schließlich ihm gilt, beobachten
kann. Dort endet der schweißtreibende Marsch der Milchträger, weil vor dem
Tempel ein kunstvoll aus Stein geschlagenes Sammelbecken für die Milch ist.
Nach dem die Milch, die den zürnenden Gott besänftigen soll, dort hinein
gekippt wurde, fließt sie wieder in einem kleinen Bächlein den Berg hinunter.
Die Gläubigen schleppen so viel Milch nach oben, dass das Bächlein unablässig
fließt.
Auch der qualvolle Marsch findet hier sein Ende. Die Devotes tragen
ebenfalls Milch den Berg hinauf, allerdings geben diese ein größeres Opfer, in
dem sie den ganzen Marsch mit heraushängende Zunge bewältigen. Wie Jesus tragen
sie im symbolische Sinne das Kreuz auf den Berg Golgatha, nur dass die
erschöpften Hindus nicht gekreuzigt werden, sondern von den lästigen Piercings
befreit werden, die sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr spüren.
Mit
der selben Grobheit, wie sie die Eisenteile in den Körper gerammt bekamen,
werden diese herausgezogen. Doch jetzt ist Blut zu sehen. Zum Beispiel bekam ein
geistig abwesender Devote die Haken aus seinem Rücken entfernt. Der hingabevolle
Hindu hat während des Marsches jedoch so fest seinen Helfer hinter sich
hergezogen, dass nun aus einigen Stellen die rote Körperflüssigkeit saftet. Nun
ist es geschafft, der Sohn Shivas ist besänftigt und kann wieder zu dem
elterlichen Gottespaar zurückkehren.
