Geheimnisvolles Sumatra


Nach einer langen, unruhigen Fahrt mit einer Fähre kommen wir schwankend in Medan an. Unser Plan ist, nach Aceh zu fahren, weil es dort korallenübersäte Meere, Urwald und Orang Utans geben soll.
Doch leider gibt es keinen Bus mehr in den hohen Norden Sumatras. Alle Sitzplätze sind bereits ausgebucht. Erst für den nächsten Morgen wird uns der Transport nach Aceh versichert. Aber mit der Bereitschaft, irgendwo anders hinzufahren öffneten sich neue Optionen.
Es herrscht völliges Chaos und unorganisiertes Gerangel beim Busunternehmer, der sein Büro in einer kleinen, staubigen Nebenstrasse hat. Unsere Konversation beschränkt sich auf das Herausstammeln von einzelnen Wörtern. Auch die Kommunikation unter den Einheimischen ist nur spärlich, weil die weltweite explosionsartige Verbreitung der Mobiltelephone in Indonesien ausgeblieben ist.
Aufstehen - gespannt sein - sich wieder hinsetzen - abwarten.
Dieses Spiel ereignet sich bei mehreren Busunternehmen.
Erfolglos - es ist gibt keine Möglichkeit mehr, die Stadt zu verlassen - egal wohin. Wir müssen also eine Nacht im schmutzigen Medan bleiben, dessen ungesunder Großstadtluft wir nun nicht mehr entfliehen können.
Die heiligen Gesaenge der riesigen Moschee im Zentrum der Stadt grenzen an Lärmbelästigung. Nicht nur, dass der Muezzin ungewöhnlich lange singt, unter anderem die halbe Nacht, sondern auch seine Stimme missfällt mir. Sein wiederholendes Überschlagen der Stimme gleicht einem heulenden Hund oder einer gequälten Katze.
Irgendwie habe ich bereits die Vorahnung, dass das mit dem versprochenen Bus doch nicht klappt und genau dieses Gefühl wird bestätigt, während wir am frühen Morgen beim Busunternehmer stehen. Wir bekommen kein Busticket - weder nach Aceh noch irgendwo anders hin.
Mittlerweile sitzen zu viele Leute um uns herum, die angeben, uns helfen zu wollen, wobei jeder von denen nur auf unser Geld scharf ist. Letztendlich entscheiden wir uns für ein Privattaxi, weil wir unbedingt Medan verlassen wollen. Dieses Taxi fährt aber nicht nach Aceh sondern an einen See namens Lake Toba.
Wir steigen in das heruntergekommene Taxi, dessen Preis den des Busses um ein dreifaches übersteigt. Nachdem der alte Fahrer, der übrigens noch kein Wort geredet hat, sämtliches Werkzeug geholt hat, quälen wir uns durch den täglichen Großstadtstau, bis wir endlich wieder Natur zu Gesicht bekommen.
Plötzlich erblicken wir mehrere Polizisten, die aus unerklärlichen Gründen auf der Strasse stehen. Ein Polizist gibt unserem Taxifahrer ein Zeichen, so dass der Fahrer sein Fuß vom Gaspedal nimmt. Der Fahrer drückt in langsamer Fahrt dem Repräsentant der Staatsgewalt einen Geldschein in die Hand und beschleunigt schließlich das Auto, so dass unser altes Taxi wieder an Geschwindigkeit gewinnt. Der Taxifahrer tyrannisiert mit seinen waghalsigen Fahrstil den Gegenverkehr. Oder tyrannisiert der Gegenverkehr uns ?
Am Straßenrand sind nun viele Obststände aufgereiht. Der eine verkauft die roten, haarigen Rambhutans und ein anderer die penetrant riechenden Durians mit ihren stachligen Schalen. Hinter den Ständen erstreckt sich eine riesige Kautschukplantage, die gleichmäßig krumm gewachsen ist, weil der Wind einseitig weht. Jeder einzelne Baum ist angeritzt und der auslaufende, klebrige Rohstoff wird in kleinen Plastikbehälter aufgefangen.
Schließlich verändert sich allmählich das Klima, da wir schon lange bergauf gefahren sind. Unten herrscht tropische Schwüle, von der immer weniger zu spüren ist. Bald strömt merklich kühlere Luft durch das Fenster. Langsam ist auch der Klimawechsel an der Flora zu erkennen. Während unten in der Hitze Bananenstauden, wilder Bambus und Kakaoplantagen die Wälder dominieren, ist nun das Gehölz mit Kiefern, Maisplantagen und anderen nichttropischen Laubbäumen übersät.
Während dieser dreistündigen Autofahrt bewegten wir uns durch drei Klimazonen, von den Tropen, über die Subtropen bis zur gemäßigten Zone. Die Wahrnehmung der vielen schnell wechselnden Eindrücke lässt die jetzigen Gegebenheiten unreal erscheinen.
Unerwartet erblicken wir jetztden riesigen Toba See, der einst durch einen Vulkanausbruch entstanden ist. Der tiefer Rachen des Vulkans füllte sich mit Wasser.
Trotz Klimawechsel scheinen die hiesige Böden nicht weniger ertragreich zu sein. Steckt man einen hölzernen Ast in die Erde, beginnt er bald zu wachsen.
Links und rechts von der Strasse erstrecken sich fruchtbare Berghänge, an denen unzählige Reisfelder angelegt sind. In den terrassenförmig angelegten Reisfeldern ziehen träge Ochsen den Pflug. Nebenan steht ein Mann bis zu den Knien im Wasser und hackt den schmierigen Grund von Hand.
Andernorts sind sprudelnd heiße Wasserquellen zu sehen. Das Flussbett ist gelb gefärbt, und die Luft ist mit Schwefelgestank durchtränkt.
Bei den Ortsdurchfahrten fallen immer weniger die metallisch leuchtenden Kuppeln der Moscheen auf, sondern mehr und mehr Turmspitzen ärmlicher Kirchen. Auch die Architektur der Häuser ist nun verändert. Die typischen Dächer der Batakhäuser mit ihren geschwungenen und bumerangförmigen Firsten sind zu sehen. Die Giebel sind kunstvoll mit Schnitzereien verziert, so dass kein Dachvorsprung dem anderen gleicht. Vor den Batakhäusern sind Goldfischzuchten in die See gebaut. Übrigens haben die unterarmgroßen Goldfische frittiert, gegrillt oder in süß-saurer Soße einen köstlichen Eigengeschmack.
Diese Gegend scheint mir wie eine Märchenwelt zu sein - unwirklich und durch die willkürliche Fantasie des Schöpfers bestimmt. Kinder paddeln mit einem Kajak auf dem klarem See und ziehen Netze zum Fischfang hinter sich her, während sie geschickt den schmalen Bootsrumpf ausbalancieren. Hinter dem blauen See erstrecken sich mächtige Berge, deren Höhen nur zu vermuten sind, weil die Bergspitzen bis in die Wolken ragen.
Bei einem Spaziergang durch das Dorf kommen wir den Menschen näher. Auch diese sind hier oben anders. Ihre Statur ist kräftiger und ihre Gesichter sind härter. Die Gesichtszüge gleichen denen der Andenbewohner in Südamerika., jedoch sind sie nicht so misstrauisch Fremden gegenüber, wie es die Indianer sind. Eher das Gegenteil ist über deren Verhalten zu sagen. Beinahe jeder Vorbeilaufende spricht uns an.
Bald fällt uns das reichhaltige Angebot an den sogenannten "Magic Mushrooms" auf. Nach kurzem Nachdenken sind wir für eine Erfahrung mit den psychoaktiven Pflanzen offen.
Schließlich bestellen wir uns gleich am nächsten Morgen ein Omelette mit den ominösen Pilzen.
Auf nüchternen Magen verschlingen wir das erdig schmeckende Eieromelette.
Erst nachdem der aggressive Magensaft die Pilze zersetzt, ändert sich langsam das Körpergefühl, bis ich mich in einer ganz anderen Welt wiederfinde. Schlagartig sehe ich nur noch krumme Gestalten und Formen, jede einzelne wäre auf Papier verewigt ein Meisterwerk. Auf den See starrend, ergeben die Spiegelungen der Wasseroberfläche, unterbrochen von kleinen Wellen, eine runde und harmonische Kontur, die sich über den ganzen See erstreckt. Nun löst sich das Puzzle wieder auf, weil die wohlbekannte Fähre durch meinen Blickhorizont kreuzt. Schon unzählige Male beobachtete ich diese hölzerne Fähre, doch ausgerechnet jetzt, wo meine Wahrnehmung verdreht ist, fährt das Schiff nicht einfach nur vorbei, sondern es dreht sich einmal und beschreibt damit einen Kreis auf der Wasseroberfläche.
Ohne erkennbarem Grund bricht die Fähre aus ihrem gewohnten Ablauf. Ich kann es einfach nicht fassen, bis die Krone eines Papayabaumes meinen Blick einfängt, die mit prallen Früchten bestückt ist. Bezaubernd wirken die Konturen der grünen und großzackigen Blätter vor dem leuchtend blauen Himmel.
Nun treten krasse Farben in den Vordergrund. Erst dominiert grün, dann gelb.
Plötzlich klettert eine ältere, englische Dame mit gelbem Gesicht die Leiter ihres Batakhauses herunter. Sie hat sich neben uns eingemietet. Einen schönen, guten Tag wünscht sie uns drei schrägen Gestalten, wie wir völlig von Sinnen dasitzen.
Nachdem sie ihren bunten Wickelrock abgelegt hat, um schwimmen zu gehen, erschrecke ich. Ihr ganzer Körper ist gelb.
Nun spiele ich mit dem Gedanken, dass ich meiner Wahrnehmung nicht mehr vertrauen kann.
Worin liegt der Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit ?
Ist Realität nicht von Betrachter zu Betrachter unterschiedlich ?
Was ist überhaupt Realität ?
Hat nicht jedes Individuum seine eigene Realität ?
Wozu gibt es überhaupt eine Realität ?
Ohne diese Fragen zu beantworten, lässt die berauschende Wirkung der Pilze nach.