
An einem lauwarmen Freitagabend im September glitten Rodrigo und ich mit kraftvollen Stößen zu einem Parkplatz in der Nähe des Alexanderplatzes auf unseren Inlineskates, Dort trafen sich jeden Freitag Inlinskater. Zusammen fuhr man auf den großen, breiten Straßen Berlins mit mehreren Tausende Skatern durch die Stadt. Für einen reibungslosen Ablauf sorgten Beamte auf Motorrädern, die rechtzeitig vorher die Kreuzungen absperrten.
Wir genossen es ganz besonders an diesen Tagen über die glatte Fahrbahn des öffentlichen Straßenlands zu rollen. Genaugenommen stellte dieser Menschenauflauf eine Demonstration dar. So fuhren wir zum Beispiel an einem Freitag zu den Zentralen aller politischer Parteien, die die 5%-Hürde überwunden hatten nd gaben dort einen Bericht mit unseren Forderungen ab. Als Wichtigstes hatte man erreichen wollen, daß die Skater-Familie mit den Fahrradfahrern gleichgestellt wird, und damit die Fahrradwege mitbenutzten darf.
Als wir nun den Parkplatz erreichten wunderten wir uns, daß so wenig Skater zu sehen waren, dafür aber um so mehr Mannschaftswagen der Polizei. Einige wenige harmlose Skater standen also professionellen Einsatzkräften gegenüber, die normalerweise nur bei Fußballspielen gegen Hooligans oder am 1. Mai gegen Autonome ausrücken.
Die mit Ellbogen-, Knie- und Handgelenk-Protektoren geschützten Skater ähnelten irgendwelchen außerirdischen Insekten. Das hektische Gewusel der vielen Leute glich einem geschäftigen Ameisenhaufen. Wenn man jedoch genau hinsah, erkannte man nicht die präzise Perfektion eines Ameisenstaates, sondern wacklige Menschen, die angestrengt ihre Balance auf den klobigen Inlineskates zu halten versuchten. Unsicher wichen sie selbst den geringsten Unebenheiten auf dem Asphalt aus.
Andere hingegen meisterten die Gleichgewichtsübung mit Leichtigkeit. Einige fuhren sogar Rückwärts, sprangen über leere Bierbüchsen und Straßenbahnschinen oder drehten sich kunstvoll um die eigene Achse.
Da nun mehr und mehr Leute sich versammelten und zusammenströmten, ertönte ein Lautsprecher der Polizei: "Achtung, Achtung hier spricht die Polizei! Diese Demonstration wurde nicht angemeldet und deshalb auch nicht genehmigt! Bitte verlassen sie sofort den Platz!" Keiner rührte sich. Man hört die Leute schimpfen: "Wer hat die Grünen denn eingeladen?" Nun waren Beamte zu sehen, die Handzettel verteilten. Die auffällige, mit großen Lettern geschriebene, Überschrift des Flyers lautete " Verhaltensregeln".
Die Staatsgewalt riet uns unverzüglich alleine den Ort zu verlassen, weil sonst der Menschenauflauf als Demonstration gedeutet werden könnte. Im Falle, daß die Demonstration doch statt finden sollte, ob auf den Straßen oder auf dem Gehsteig, würden Beteiligte mit einer Strafe in Höhe von 1000 DM bedroht. Außerdem sollte man sich an die Straßenverkehrsordnung halten.
Keiner aus der friedlichen Masse wußte was nun geschehen sollte. Alle waren dem Willen der polizeilichen Gewalt ausgesetzt. Plötzlich flüsterte mir einer die folgenden Worte zu : "Wir fahren alle gemeinsam zum Alex - Weitersagen!" Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis sich die Nachricht verbreitet hatte, so daß sich die Menge in Richtung Alexanderplatz bewegte.
Sobald wir den naheliegenden Platz erreichten fuhren wir zwischen einer Reihe von Metallsockeln hindurch, die größeren Fahrzeugen das Passieren unmöglich machten und somit auch der Polizei. Wir hängten unser Verfolger also ab. Erst als wir uns weiter vorbei am Roten Rathaus in Richtung Unter den Linden bewegten, spürte uns das Auge des Gesetzes wieder auf.
Es lief mir kalt den Rücken hinunter, weil ich mir genau bewußt war, daß ich mich an etwas Verbotenem beteilige. Die Polizisten jedoch schauten nur unbeholfen aus ihren verbeulten Kastenwagen. Man konnte an ihren Gesichtern ablesen, daß sie die Lage nicht im Griff hatten. Auch ich konnte mir nur schwer vorzustellen, wie die Polizei gegen uns vorgehen sollte. Schließlich ist es nicht einfach einen Skater einzufangen. Für das Fußvolk sind wir zu flink und bis der schnellere Mannschaftswagen zum Stehen kommt und die Besatzung aufgestanden, ausgestiegen und ausgerückt ist sind wir schon längst über alle Berge. Vielleicht sollte der Berliner Polizeipräsident sich darüber Gedanken machen, eine Beamtencrew mit Inlineskates auszurüsten, wie es in Paris, London und sogar in Erfurt der Fall ist.
Unter den Linden entdeckten wir
wieder bei der Deutschen Oper einen Fußgängerweg auf dem wir erneut den lästigen
Einsatzkräften entkamen. Als die Vorhut auf die übrigen Skater wartete, um die
Gruppe zusammenzuhalten, viel deutlich auf, daß nur wenige Demonstranten übrig
geblieben waren. Den meisten wurde die Aktion wohl zu riskant.Und wieder passen wir eine gute Gelegenheit ab und biegen allesamt, in eine für größere Fahrzeuge gesperrte Seitenstraße. Wir entkamen nur für einige wenige Minuten, weil uns bald ein VW-Bus entgegen fuhr. Die Polizei hat einfach ein zu gut ausgeklügeltes Navigationssystem, dem in Verbindung mit der großen Anzahl von Einsatzkräften kein Entrinnen war.
Nun standen wir entscheidend zu lange in Grüppchen zusammen, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Bei einem Mannschaftswagen, der nicht weit von uns lauerte, öffnete sich die Tür und ein kleiner, ziegenbärtiger Polizist sprang heraus. Während der hagere und dünne Körper des Gendarmen auf uns zulief, hörte man Stimmen, die jedes Diskutieren mit der Polizei ablehnten, da es ohnehin keinen Sinn machte.
Der Uniformierte lächelte uns an und fragt mit einem sympathischen und neugierigen Blick, wo wir denn als nächstes hinfahren würden. Da sich niemand auf ein Gespräch einlassen wollte, fügte er hinzu, daß, wie wir bestimmt bereits bemerkt hätten, die Polizei heute darauf verzichtete uns einzufangen. Nun wollte er aus Sicherheitsgründen wissen, in welche Richtung wir uns als nächstes bewegen wollen. Diese Frage wußten wir selber nicht zu beantworten.
Plötzlich rief eine kesse Stimme von hinten: " Das ist uns egal! Fahrt doch ihr voraus! Wir wollen euch dann bestimmt folgen."
Der Polizist wollte sich darauf nicht einlassen und stieg wieder in den Kastenwagen zu seinen Kollegen, um unseren Vorschlag zu beraten.
Auf einmal rollte der Kastenwagen in Richtung Ku'Damm und wie versprochen kamen wir hinterher. Dieses Mal jedoch nicht mehr auf dem Gehsteig, sondern direkt auf der dunklen Straße, die an der Stelle nicht sehr gut ausgeleuchtet war. Es war ein riesiger Spaß sich auf der glatten Fahrbahn zu bewegen. Auf einmal stand ein Auto, mit seinen grellen Scheinwerfer leuchtend und blendend uns gegenüber und hupte aggressiv. Beinahe hätte er einige von uns über den Haufen gefahren. Mehrere Autos kamen nun entgegen und fuhren zwischen der skatenden Masse hindurch.
Nun erhallte der Lautsprecher der Polizei, als sie bemerkte, was sie für ein Chaos angerichtet hatte und forderte uns barsch auf, die Straße für den Verkehr frei zu machen. Es gelang ihnen aber nicht alle Skater von der Fahrbahn zu holen, weil wir gleich in der Masse der vielen Besucher des Europafestes auf dem Kurfürstendamm verschwanden. Die Gesetzeshüter machten keine Anstalten uns weiter zu folgen. Es dauerte nur etwa zehn Minuten, bis die Polizei uns wieder auf den Fersen war, als wir den mit vergnügungslustigen Menschen vollgestopften Ku'Damm in eine Seitenstraße verließen.

Zum Endspurt glitten und schlitterten wir mit unseren Skischuh ähnlichen Boots zum Sony- Center. Dort machten wir so richtig auf uns aufmerksam. Überraschend fielen wir auf den Platz ein, über dem die mächtige Zeltkonstruktion hängt. Die Szene glich beinahe einem Überfall. Als nun noch alle Skater im Kreis, um den zentralen Brunnen fuhren, zählten wir den Countdown: "Zehn - neun - acht - sieben" usw. Anschließend wurde lauthals gebrüllt, geschrien, gepfiffen, gejauchzt und gejubelt.
Unser Publikum schien begeistert zu sein. Beim folgenden Countdown zählten, klatschten und feierten die Besucher des Sony-Centers mit. Die Atmosphäre war berauschend. Der Schall des Jubelns und Triumphierens wurde von den sich im bunten Farbenspiel ändernden Zeltplanen zurück geschmettert und bildete somit eine bezaubernde und narkotisierenden Akustik.
Nach diesem beeindruckenden Spektakel verstreuten sich die Inline-Skater in alle Himmelsrichtungen, so dass dies das Ende einer mal ganz anderen Demonstration war. Im Nachhinein war dann im Internet zu lesen, dass die Demonstration doch angemeldet wurde. Jedoch wurde geschickt das Demonstrationsrecht umgangen, indem die Parade von der zuständigen Verwaltungsbehörde als sportliche Veranstaltung propagiert wurde und somit verboten werden konnte.
Dies jedoch wollten sich die freien Bürgern auf acht Rädern nicht bieten lassen und beschlossen sich zur Aufrechterhaltung der politischen Streitkultur zukünftig privat am Parkplatz in der Nähe des Alexanderplatzes zu treffen, um gemeinsam auf den Bürgersteigen durch die Stadt zu fahren.
Am nächsten Freitag versammelten sich also wieder einige Skater auf dem Parkplatz. Dieses mal waren es nur etwa fünfzig.
Als ich dort ankam wunderte ich mich, wo denn die Polizei steckte. Vor wem sollte man denn weglaufen, wenn es keine Gesetzeshüter gab, die uns verfolgten. Der Situation war nicht zu trauen . Aber selbst ein Hin- und Herblicken, ließ die Grünen nicht aufspüren. Plötzlich hörte man von weitem ein Sirenenheulen, daß immer näher zu kommen schien. Als es mit rasantem Tempo und mit quietschenden Reifen um die Ecke kam, betrachteten wir alle den vorbeifahrenden VW-Bus, der unbekümmert an uns vorbei zog. Man sah erstaunte Gesichter, denen man ablesen konnte, daß sie nicht glauben wollten, daß der Einsatzwagen uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Genau, so kann ich mir vorstellen, müßte sich ein Schauspieler fühlen, der vor einer leeren Publikumsbühne steht.
Die freiwillige Zusammenkunft begann sich langsam zu bewegen. Diese Mal ging es auf dem Gehweg der Frankfurter Allee nach Friedrichshain. Einige sprangen mit artistischen Gesten über den Bordstein auf den Fahrradweg. Sogleich schoß ein Mannschaftswagen, wie aus dem nichts kommend und teilte uns mit, daß wir sofort den Fahrradweg zu verlassen hätten. Es waren also doch Polizisten auf uns angesetzt. Dieses Mal schienen sie nicht so nett zu sein. Der Kommandant, mit rot erhitztem Haupte und aus dem fahrenden Kastenwagen hängend, fordert aggressiv die einzelnen Skater auf endlich Platz zu machen. Die Skater jedoch ließen sich nicht alle vertreiben und rollten frech vor seiner roten Nase weiter.
Beim nächsten Stopp schickte der Kommandant einen Stoßtrupp los, der wie ein Blitz in die Menge einschlug und den Skater packte, der die letzten dreißig Paraden bei der Polizei angemeldet hatte. Sie drängten, zerrten und schoben den Blondschopf in den Kastenwagen mit der Angabe, daß er der Rädelsführer sei. Alle standen wir um den grün-weißen Wagen, bis die polizeiliche Verstärkung langsam eintrudelte und auch noch den Webmaster der Berlin-Parade-Homepage festnahmen. Alles Reden, Diskutieren, Streiten, Stänkern und Provozieren half nichts. Mit aufgeblasener Brust standen die Vertreter der Staatsgewalt vor uns und hielten den armen Blondschopf fest.
Plötzlich stand ganz zufällig ein roter Oldtimer-Bus neben uns, der als Werbebus für die PDS diente. Sogleich stand ein gut gelaunter und schwarz begleideter Jungpolitiker in der Menge und verteilte Kondome und Gummibärchen. Natürlich waren alle seine Werbegeschenke in rot gehalten. Selbst der rot erzürnte Kommandant wechselte einige Worte mit dem Jungpolitiker, der auch nicht mehr erreichte, zusätzlich aber immerhin dem Blondschopf die Zusammenarbeit anbot, der mittlerweile wieder freigelassen wurde.
Träge und lustlos bewegten sich die Übriggebliebenen auf den holprigen Bürgersteigen zum Sony-Center, wo dann der heutige Abend, für mich zumindest, endete. Es bleibt auf jeden Fall spannend, wie die Polizei auf künftige Aktionen reagieren wird. Der Gesetzeshüter wird wohl nicht den Wasserwerfer aus der Garage holen.

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