Berlin Friedrichshain
An einem regnerischen Samstag, Mitte April,
besuche ich Ulrich in Kreuzberg. Nachdem Ulrich mir einen köstlichen,
selbstgebackenen Haschkeks anbietet, verbringen wir den restlichen Abend im
"Wiener Blut". Nach einigen Beck's Bieren braut sich ein angenehmer Cocktail in
meinem Kopf zusammen. Der Alkoholrausch wird von THC-Schüben, die wie aus dem
Nichts immer wieder erscheinen, verstärkt. So etwa gegen 2 Uhr nachts mache ich
mich dann auf den Heimweg. Vom Görlitzer Bahnhof aus nehme ich die U-Bahn zur
Warschauer Straße, um dort in die S-Bahn umzusteigen. Als ich jedoch aus dem
U-Bahn-Waggon aussteige, gerate ich in eine sehr angespannten Situation. Auf dem
grauen Bahnsteig stehen mehrere türkische Banden und linke Schläger, Unmengen
von Skinheads gegenüber. Ich bin nicht mal in der Lage, die Anzahl der Nazis zu
schätzen, so schockiert und entrüstet bin ich über deren Anwesenheit. Mir
scheint, als haben sie sich mit den kreuzberger Türken und Autonomen geeinigt,
den Konflikt, der sich leicht in eine erbarmungslose Massenschlägerei entwickeln
könnte, friedlich zu beenden. Die Skinheads laufen nun mit uns, den Passanten,
aus der U-Bahn über die Brücke hinüber zum S-Bahnhof. Dort ist dann wieder ihr
Gebiet, der Ostteil der Stadt. Nun lese ich an den Gesichtern der anderen
Passanten ab, daß ich nicht der Einzige bin, der das Großaufgebot der Glatzköpfe
nicht fassen kann. Ich merke auch, daß einige von ihnen auch mich unter die
Kategorie "Nazi" stecken. Erst heute mittag nämlich habe ich mir den Kopf
rasiert. Zum Glück wollen die Skinheads nicht Richtung Westen fahren, so daß nur
die übrigen Passanten mit mir auf dem Bahnsteig zum Bahnhof Zoo stehen. Die
Nazis sind nun nicht mehr zu sehen.
Kurze Zeit später nähert sich mir ein
aggressiver Araber, der mich mustert und anschließend bedroht. Sein
blutverschmiertes Gesicht läßt mich vermuten, daß es der Dunkelhäutige heute
schon mit Nazifäusten zu tun hatte. Gelähmt vom nächtlichen Konsum sitze ich
noch immer auf einer Bank und ahne, gegen die überraschende Bedrohung nicht
angehen zu können. Plötzlich stampft am gegenüberliegenden Bahnsteig das eben
gesehene Glatzenaufgebot die Treppe hinunter. Der erschrockene Araber entfernt
sich rasch und ich atme stark und unregelmäßig - die Lage immer noch nicht
richtig begreifend - auf.
Die Nazis, von denen wir glücklicherweise noch
durch einen Schienengraben getrennt sind, sammeln sich und zählen durch. Es
kommen immer mehr Nazis die Treppe hinunter gestiefelt. Nicht alle von ihnen
sind Skinheads. Auch Hooligans und andere arische Schläger schlossen sich der
Truppe an. Besonders fällt mir einer mit Stahlschienbeinschützern und vernarbten
Gesicht ins Auge. Als sie sich nun neu durchorganisiert haben, entschließen sie
sich, zu uns herüberzukommen. Mir fällt das Herz in die Hose, weil es von
unserem Plattform kein Entkommen gibt. Neben mir laufen drei Asiaten nervös hin
und her, da sie sich Schlimmstes ausmalen. Die ersten Stiefel kommen bereits die
Treppe hinunter.
Meine jetziger Angstschweiß ernüchtert meinen betäubten
Geist, als wäre er von einem Blitzstoß getroffen. Meine Vermutung, daß die drei
verzweifelten Asiaten die Zielscheibe gewalttätiger Übergriffe sind, erweist
sich als falsch. Die Situation entpuppt sich anders. Ich, der Glatzkopf, werde
durch blöde Sprüche anvisiert. Sie beschimpfen mich als Schwuler. Ich kann es
nicht fassen und stelle mir Furchtbares vor. Man hörte in letzter Zeit öfter,
daß Nazis Ausländer zu Tode gehetzt haben.
Was würden diese Saubermänner wohl
mit Schwulen machen?
Den Schwanz abschneiden vielleicht?
Zum Glück rollt,
während ich im bösen Schlund meiner Gedankenwelt gefangen bin, die rettende
S-Bahn ein. Hals über Kopf renne ich zur Tür der alten S-Bahn, die noch mit
einem kräftigen Ruck aufgestoßen werden muß. Da ich weiter verfolgt werde,
wechsle ich auch gleich wieder den Waggon. Nun glaube ich, versteckt hinter
einer Graffiti beschmierten Trennungswand, dem intoleranten Angriff entkommen zu
sein. Als mein Blick über den Fußboden streift, entdecke ich frische Blutspuren.
Plötzlich höre ich die befehlenden Stimmen der Dummköpfe, die es auf mich
abgesehen haben. Ich bin der Ohnmacht nahe und renne mit rasendem Puls und
keuchendem Atem aus dem S-Bahn-Waggon. Genau in dem Moment fährt im Bahnsteig
gegenüber ebenfalls eine S-Bahn ein. Panisch renne ich zu dieser S-Bahn und
steige ein. Aufatmend, setze ich mich. Eine Reinigungskraft jedoch, die den
Waggon ausfegt, gibt mir zu verstehen, daß der Zug hier endet und ich gefälligst
sofort die S-Bahn verlassen soll.
Mein Glück ist, daß die Möglichkeit
besteht, durch den leeren Waggon durchzugehen und auf der anderen Seite der
S-Bahn auszusteigen, um der bedrückenden Bedrohung endlich zu entkommen. Ich
stehe nun auf einem anderen Bahnsteig, von dem aus ich eilig in eine
gegenüberstehende, wartende S-Bahn hetze. Ich steige ein, während die roten
Lampen bereits über den Türen blinken und der Zug fährt los. Wie ich es nun
schaffte, meine Verfolger loszuwerden und aus dieser hoffnungslosen Lage zu
entkommen, wurde mir erst später, nach langem Denken und Rekapitulieren, bewußt.
Während der Flucht war ich in einer Art Trancezustand. Als ich mich nun nach
einiger Zeit wieder einkriege, frage ich mich, in welcher Bahn ich wohl sitze
und wo sie denn überhaupt hinfährt? Ein vertrauenswürdiger Passant verrät mir,
daß wir nun weiter in den Osten fahren.
Kurze Zeit später erblicke ich wieder
zwei vernarbte Gesichter, die es auf mich abgesehen haben. Ich weiß nicht, ob
sie zu den Glatzen gehören oder ob es andere sind. Vielleicht schiebe ich ja nur
Paranoia?
Ich bin total zerstreut.
Nachdem ich mich nun nochmals
versichere, daß die Bedrohung keine Einbildung ist, renne ich hektisch aus dem
Zug, der zufällig in einem tristen Bahnhof steht. Da ich einen Bahnangestellten
entdecke, steuere ich ihn an und informiere ihn über meine Situation. Der
Bähnler jedoch, der sich wahrscheinlich von mir überrumpelt und bedroht fühlt,
bewegt sich rasch in sein Häuschen und schließt die dicke Stahltür hinter sich.
Hier ist wohl nichts zu machen, so daß ich - seelisch am Ende - die Treppe
hinunter aus dem Bahnhofsgebäude renne. Nun irre ich im total Unbekannten, bis
ich in der Dunkelheit ein Taxi entdecke.
Ich öffne die Tür und setzt mich
hinein. Jetzt weiß ich, daß ich es überstanden habe. Der Taxifahrer fährt mich
nach Hause. Zuhause angekommen, liege ich noch lange im Bett und versuche das
nächtliche Geschehen zu begreifen.