IM MALAYISCHEN DSCHUNGEL


Die schwuele Hitze laesst mich beinahe in nichts zerlaufen. Erleichtert setze ich mich in einen klimatisierten Bus und schneide eine saftige Mangofrucht durch. Dann ritze ich ein Karomuster in das klebrige Fruchtfleisch und stuelpe die Mangohaelfte ueber, so dass nun die suesse Koestlichkeit genossen werden kann.
Ploetzlich steigen zwei bleiche Langnasen ein. Ueberraschenderweise spricht mich der eine auf deutsch an. Natuerlich biete ich ihm gleich von meiner frisch aufgeschnittenen Mango an.
Nach einem kurzen verbalen Austausch, entdecken wir rasch unsere gemeinsame Faszination: DSCHUNGEL. Ohne einschlagen zu muessen, planen wir einen Alleingang ohne Fuehrer in den hiesigen Regenwald.
Im Reisefuehrer werden acht unterschiedliche Wege durch das umliegende Gestruepp beschrieben, und das zugehoerige Kartenmaterial ist ebenfalls abgebildet. Wir entscheiden uns fuer den Junglepath No. 8, der erstens der laengste und zweitens am Besten gekennzeichnetste sein soll.
Kaum in dem Dschungeldorf Tanah Rata angekommen, laufen wir drei gleich mit Kompass bewaffnet los. Wir wandern Richtung Westen, vorbei an einer belebten Schule, bis keine Haeuser mehr zu sehen sind. Die asphaltierte Strasse endet und ein schmaler gepflasterter Weg entlang eines Flusses beginnt. Das Wasser des Flusses ist erdig-rot und plaetschert grosse, graue Steine entlang. Unmerklich wird das Geraeusch des Wassers staerker. Ploetzlich ist es ein Rauschen, das einen Wasserfall ankuendigt. Spritzendes und zischendes Wasser schlaegt nun riesige, graue Felsen tief hinunter, bis es sich dann wieder beruhigt und weiter zahm seinen gewohnten Weg einschlaegt.
Auch der gepflasterte Weg verliert seine Gestalt und verformt sich zu einem schmalen Pfad aus roter, schmieriger Erde. Nun gilt es ein rutschiges Wurzelwerk, vieler am Pfad angrenzender Kautschukbaeume, hinaufzuklettern. Mit dem Anstieg sammelt sich nicht nur der Schweiss auf unserer Stirn, sondern die Flora veraendert sich sichtlich.
Erst sind es stark verkuemmerte und verkrueppelte Baeume mit maechtigen Staemmen, die sanft mit weichem Moos bekleidet sind. Weiter oben verformt sich das Dickicht in schmalere aber dichter zusammenstehende Baeume, die nun mystisch und unheimlich vom festen Moos erstickt werden.
Wir halten einen Augenblick inne, um uns den Schweiss von der Stirn zu wischen und um das bizzare Spektakel zu begreifen. Beim Ausruhen achte ich auch auf die Geraeuschkulisse. Das wild durcheinander Gezwitschere, Getrillere und Geschreie laesst die atemberaubende Artenvielfalt erahnen. Das Durcheinander scheint unbegreifbar zu sein.
Um so weiter wir laufen, um so oefter veraendert sich das Szenario und damit ich auch die Stimmung in uns. Mal ist es hell und heiter und dann ploetzlich wieder dunkel und geheimnisvoll. Die Wege werden undeutlicher und scheinen im Nichts zu verlaufen. Ein Pfad, der anfangs offensichtlich ab und an von einem menschlichen Wesen benutzt worden ist, wird immer schmaler und enger.
Die Naturkraft der Vegetation verschlingt den Pfad, bis er vom undurchdringbaren Dickicht erstickt wird. Wir drehen um und probieren eine andere Moeglichkeit aus. Auch diese verschwindet im Leeren.
Und nun wieder die Geraeusche der Voegel und Insekten. Eine Grille dominiert die ganze Geraeuschszenerie mit ihren monotonen, schrill und schnell aufeinanderfolgenden Toenen, die dem Abfeuern einer Maschinenpistole gleichen.
Die gesamte Fauna, die fuer den Klang des Waldes zustaendig ist, versucht nun das dominante Vibrieren der Grille zu uebertoenen.
Es ist furchtbar laut.
Ploezlich ertoent ein lauter Schrei.
Es folgt Stille.
Wir maschieren weiter. Mittlerweile voellig vom Pfad abgekommen und ihn nicht mehr wiederfindend, bewegen wir uns in der Himmelsrichtung, in der wir unser Dorf vermuten.
Maechtige Bananenstauden, deren Staemme denen von dicken Baeumen gleichen, bauen sich vor uns auf.
Mein Puls steigt und ich versuche den Gedanken, dass es bald dunkel werden wuerde, zu verdraengen.
Nun irren wir also durch das schwuele Gewucher, mit seiner schleimigen Luft und seiner feuchten Sonne, mit seiner klebrigen Stille voll moerderischer Mystik und kaempfen gegen die ZEIT.