
Auschwitz den 14. September 2001
Das regnerische Wetter unterstrich
den traurigen Tag. Es schien heute nicht richtig hell zu werden, obwohl es erst
Morgen war. Ein ungewöhnlicher Wind pfiff um die Ecken.
Ein halbes Dutzend
Holländer luden uns zu einer Führung in das Vernichtungslager ein, das als
riesiges Monstrum in einer unschuldigen Landschaft eingebettet war.
Der
Reiseführer war ein großgewachsener Blondschopf, der mir zur Begrüßung seine
Hand reichte. Es war kein warmer Händedruck zu spüren, sondern seine Hand fühlte
sich an, wie ein totes Stück Fleisch. Was er sagte, wirkte vorwurfvoll. Er
sprach mit haßerfüllten Worten. Vielleicht wirkte sein Deutsch aber auch nur so
aufgrund seines osteuropäischen Akzentes.
Bald durchquerten wir das berühmte
Eingangstor mit dem zynischen Spruch "Arbeit macht frei". Eigentlich hatte ich
mir das Eisentor größer vorgestellt, doch waren die Worte dennoch mit
aggressiver Kraft geladen.
Vorbei an unzähligen Holz- und
Steinbaracken, standen wir plötzlich vor der Gaskammer und dem Krematorium. Hier
war genau zu beobachten, daß die Menschenvernichtungen, wie in einer
Industriefabrik abliefen. Es gab sogar einen Mörser, der die nach der
Verbrennung übriggebliebenen Knochen zu Pulver zermahlte. Das Knochenmehl wurde
entsorgt, in dem es auf den umliegenden Feldern zerstreut wurde.
Schrecklich
war die Besichtigung der Magazine, in denen die Nazis alles aufbewahrten, was
die 1,5 Millionen Toten hinterließen: Bergeweise Schuhe, beschriftete Koffer,
Brillen, Zahnbürsten, Emailtassen und Blechtöpfe, Rasierpinsel, Kleiderbürsten
und vieles mehr. Anhand dieser Dinge des täglichen Bedarfs ließ sich auf das
Ausmaß des Mordens schliessen.
Ein anderer Raum, den wir betraten war
unheimlich verdunkelt. Ein eigenartiger Geruch lag in der Luft. Hinter einer
Glasscheibe waren Haare von etwa 50.000 Frauenköpfe aufgehäuft. Eine
holländische Frau zeigte erschrocken auf ein liebevoll geflochtener und
kastanienbraunen Zopf, der zwischen den meist filzigen und schwarzen Haaren
hervorragte.
Viele Besucher teilten die selben Gefühle. Kein Lächeln war zu
sehen. Nicht einmal ein annäherndes Grinsen war von irgend einem Gesicht
abzulesen. Es herrschte eine beklemmende Stille. Nervös auf- und ablaufend,
wartete bereits unser Reiseführer am Ausgang des Magazins. Ab und zu forderte er
uns schroff auf weiterzugehen oder befahl uns, uns schneller zu bewegen. Seine
Ungeduld schien mir rücksichtslos gegenüber einem alten Holländer, der zitternd
seinen gebrechlichen Körper aus seinem Rollstuhl stemmte, um anschliessend die
heruntergetretenen Treppenstufen einer Baracke empor zu schwanken.
Seine
Erbarmungslosigkeit stand im direkten Gegensatz zu seinem runden und
jugendlichen Milchgesicht. Eigentlich bedauerte ich diesen jungen Mann, der sein
Leben damit verbrachte, deutschsprachigen Touristen den Mord an Juden,
politischen Gefangenen, Zigeunern und sogar Polen, wie er selber einer war,
vorzuwerfen. Das große Dilemma war, daß er recht hatte, daß das deutsche Volk
seine Kriegsschuld verarbeiten mußte, um damit leben zu können. Jedoch erntete
er auf seine Bemühungen, die Nazimorde und Gewalttaten uns vor die Augen zu
führen, nur Hilflosigkeit und Ohnmacht.
Vorbei an hohen Stacheldrahtzäunen,
die an Hochspannung angeschlossen waren, betraten wir einen Innenhof, an dessen
Stirnseite sich die Todesmauer befand. Mehrere Tausend Unschuldige fanden dort
ihren Tod. Den Nazis jedoch war ein Schuß pro Kopf zu uneffektiv und zu teuer;
schliesslich wollte man ein ganzes Volk ausrotten. Man startete also Versuche,
mit denen sie eine Lösung ihres Problems zu finden suchten. Das Vernichtungsgas
"Zyklon B" ermöglichte es schließlich, möglichst viele Menschen mit einem
geringen Aufwand umzubringen.
Bereits ermüdet, schritten wir an einem am
Wegrand aufgebauten Galgen vorbei, zu dem letzten Block des Hauptlagers. Schon
im Vorfeld wurde dieser mit bebender Stimme von dem Blondschopf angekündigt. Die
Baracke 11 galt als Todesblock. Dort wurde menschenverachtend gefoltert, gequält
und getötet. Die sadistischen SS-Männer ließen sich dafür einige entwürdigende
Gemeinheiten und Foltermethoden einfallen.
Im Kellergeschoß gab es zum
Beispiel einen Dunkelraum, in dem sie zwei Dutzend Menschen einpferchten, bis
ihnen die Finsternis auf das Gemüt schlug und das Ergebnis das totale Zermürben
der Psyche war.
Ein anderer Raum wurde als
Hungerraum bezeichnet, in dem die Opfer bis zum Hungertod eingesperrt wurden. An
den Wänden waren Zeichnungen von Maria und Jesus zu sehen. Aus Verzweiflung
wurden diese Figuren mit bloßen Fingernägel in den Putz geritzt.
Weiter
teilten die Nazis einen Raum in viele kleine Kammern. Dort wurden Menschen
hineingetrieben, die keine andere Möglichkeit hatten als zu stehen. Die ganze
Nacht über mußten diese stehen und tagsüber mußten sie harte Arbeit verrichten,
bis sie während eines Schwächeanfalls beim Arbeitseinsatz von einem Wächter zu
Tode geschlagen wurden.
Das letzte Zimmer war von den SS-Soldaten bewohnt.
Noch immer konnte ich mir nicht vorstellen, wie es gelang solche grausamen Wesen
zu züchten. Aber selbst sie konnten nicht alle Arbeiten ausführen, wie zum
Beispiel die Leichen aus den Gaskammern ins Krematorium zu schaffen, dort mit
Zangen die Goldzähne herauszubrechen und anschließend die Körper zu Asche zu
verbrennen. Dafür wählten die feinen Herren in pechschwarzen Uniformen und mit
strahlend weißen Handschuhen bekleidet ein Todeskommando aus, das nach
Verrichtung der Arbeit sofort liquidiert wurde.
Das karg möblierte Zimmer
bestand nur aus dem Nötigsten, wie einem Bett, einem Schrank und einem
Schreibtisch.
Sofort stach mir eine Schwarz-Weiß-Photographie Adolf Hitlers
ins Auge, das an der blassen Wand hing.
Hitlers Mütze war so weit ins Gesicht
gezogen, daß der Schatten des Schildes nicht einmal seine Augen erkennen ließ.
Es schien, als konnte selbst er den Anblick auf seine Todesfabrik nicht
ertragen.