Revoluzionäre 1.Mai Demonstration
2001
1. Mai 2001 Nun ist es wieder soweit . Der 1. Mai,
der Tag der Arbeit, steht vor der Tür. Dieser 1. Mai soll aber anders werden als
sonst. Die revolutionäre 1. Mai Demonstration in Kreuzberg wurde für dieses Jahr
von der Polizei verboten. Laut Gesetzbuch ist es zwar nicht rechtens eine
angemeldete Demonstration zu verbieten, trotzdem untersagte die exekutive
Staatsgewalt den revolutionären Marsch. Im selben Zuge orderte der berliner
Polizeipräsident 500 Beamten mehr nach Kreuzberg, als es leztes Jahr
waren.
Am 1.
Mai also entschließen wir uns aufgrund des Versammlungsverbots nur in
Zweiergruppen loszuziehen. Wir steigen am Kottbusser Tor aus dem U-Bahn-Waggon
und sind auf die dortige Situation gespannt. Es ist nichts außergewöhnliches zu
beobachten. Menschen füllen die kalten und kahlen U-Bahngänge - nicht zuviele,
aber auch nicht zu wenige.
Auf einmal stehen wir vor dem verrigelten
Stahlgitter am Ausgang, so daß wir nicht nach oben zur frischen Luft kommen.
Erst kurze Zeit später entdecken wir einen anderen Ausgang der geöffnet ist.
Endlich kommen wir nach draußen, wo ein strahlend blauer Himmel auf uns
wartet.
Erstaunlicherweise stellen wir fest, daß die Kreuzung und die
angrenzenden Straßen abgesperrt sind. Trotz des Versammlungsverbots tümmeln sich
viele Leute mit roten Fahnen auf der Straße.
Plötzlich rennt eine
Menschenmasse auf uns zu. Da man das Risiko eingeht, beim Stehenbleiben
überrannt zu werden, laufen wir mit der sich auf uns zu bewegenden Welle mit,
sobald sie uns erreicht. Die Masse beruhigt sich bald wieder und die
Polizeiwand, die von etwa zwanzig Beamten gebildet wird, läßt kein Druchkommen
mehr zu. Die mit Helmen und Protektoren geschützten Gendarmen sind nun einige
Schritte nach vorne gekommen.
Wiederholend ereignet sich diese Szene.
Zuerst rennen vereinzelte Randaliere mit panische Gesichtern vor den
provozierten Uniformierten weg, dann schließen sich immer mehr Unwissenden an,
bis sich eine alles überrennende und unberechenbare Masse in Bewegung setzt. Wir
verlassen den hektischen Ort und setzen uns auf den Randstein eines
naheliegenden Platzes, dessen Atmosphäre der eines gemütlichen Straßenfestes
gleicht.
Die Idylle hält bestimmt eine Stunde an, bis mehrere grün-weiße
Mannschaftswagen, mit lauten Sirenen und blitzendem Blaulicht für Unruhe sorgen.
Erst rufen einige "HAUT AB - HAUT AB" , bis der ganze Chor einstimmt. Die, die
zuerst gegen die Polizeiaktion protestierten, sind nun mutiger, beschützt und
angefeuert von der bebenden Masse, so daß erste Pflastersteine gegen die
Kastenwagen fliegen. Und wieder stellt sich der Masseneffekt ein, als Mitläufer
und später eine große Zahl von Menschen mit Steinen und leeren Bierflaschen
schmeißen, die mit einem gemeinen Geräusch gegen die Vehikel der Schutzpolizei
donnern.
Unerwartet drängen von der Seite mit Schutzschildern und
Gummiknüppeln bewaffnete Polizisten. Bald schon fliehen wieder Vereinzelte,
denen sich rasch mehrere anschließen. Nun werden wir von der Schutzmacht auf den
Mariannenplatz gedrängt, wo wir in ein idyllisches Fest platzen. Spielende
Kinder, Essenssstände und alte Leute vor vollen Bierkrügen beherrschen die
Atmosphäre. Schlagartig ist Panik ausgebrochen. Die Polizei drängt immer mehr
Demonstranten auf den Platz, so daß es eng wird.
Auf einer Absperrung stehend, kann ich über
die Köpfe der anderen hinweg sehen, wie vermummte Autonome Steine werfend das
Auge des Gestezes davon abhalten noch mehr Menschen auf den Platz zu drängen.
Die Live-Band spielt nun härtere Musik und immer mehr Mutige greifen zu
irgendwelche Gegenstände, die zum Werfen tauglich sind. Andere, meist Punkfrauen
mit löchrigen Strumpfhosen und hohen Stahlkappenstiefeln bekleidet, reißen die
hand-großen Plastersteine aus den Gehwegen, um den Nachschub zu
gewährleisten.
Plötzlich fährt ein mächtiger Wasserwerfer auf, dem es gelingt
die prekäre Situation aufzulösen. Nun stößt aus einer anderen Straße ein anderer
Wasserwerfer vor, der mit weiten Fontänen Wasser in die Luft schleudert. Nachdem
die extremen Linken in den ersten Reihen naß sind, zielen die gebündelten
Strahlen auf einzelne Chaoten.
Zum ersten Mal gelingt es den Randalierern dem
Angriff der Polizeifront standzuhalten. Ein Wasserwerfer wendet, träge wie ein
Elephant, um seinen leeren Wassertank aufzufüllen. Auch das polizeiliche Fußvolk
rennt mit eingezogenen Köpfen dem massiven Steinhagel davon. Die euphorische
Menge, die sich des Sieges bewußt ist, setzt zum Chor an und brüllt: "HAUT AB -
HAUT AB". Weitere Wasserwerfer setzen zum Gefecht an.
Von dem gemütlichen Volksfest
auf dem Mariannenplatz ist nun nichts mehr übrig. Die meisten Leute sind
geflüchtet auch die Bestizer der Getränke- und Essensstände sind gegangen und
haben alles mitgenommen. Außer das Holz der Stände, welches schon längst
angezündet wurde bleibt zurück. Auch umgeschmissene Autos brennen lichterloh und
der schwarze Rauch verdunkelt den Tag.
Die Fontänen der Wasserwerfer löschen
die Brände immer wieder - die Autonomen stecken sie wieder in Brand. Die ratlose
Polizei, die wahrscheinlich nicht mit solch zähem Widerstand gerechnet hat,
schießt mit Tränengaspatronen. Die Antwort der Vermummten sind Leuchtkugeln,
welche in Richtung der Gendarmen abgefeuert werden, die sich im Schatten des
Wasserwerfer verstecken.
Die massiven Straßenkämpfe dauern Stunden - immer
und immer wieder werden die Ordnungshüter zurückgedrängt. Die anhaltenden Kämpfe
scheinen wie inszeniert. Die Menschenmassen füllen den Halbkreis eines
griechischen Amphitheaters, das im Mittelpunkt auf dem Platz von einem begabten
Landschaftsarchitekten angelegt wurde. Auf der Bühne, bewegen sich anstatt
Gladiatoren vermummte Chaoten. Mache benutzen dieses Schauspiel zur
Selbstdarstellung andere verstecken sich in der chaotischen Anonymität der
Masse. Und vor dem Zentrum des Theaters stehen die Wasserwerfer, brennende Autos
und Hundertschaften von Fußvolk, die mit ihren Schildern einen Panzer bilden,
wie es einst die alten Römer taten. Zu guter letzt wird das theatralische
Spektakel mit der untergehenden Abendsonne versüßt, so daß die Fotografen der
nationalen und internationalen Presse erstklassige Lichtverhältnisse vorfinden,
um die morgigen Titelseiten der Zeitungen mit farbenfrohen Bildern schmücken zu
können.
Der
Höhepunkt der Aufführung ist die Selbstdarstellung eines schwarz Bekleideten,
den eine Wasserfontäne trifft. Völlig gelassen und unberührt bleibt er stehen
und zeigt der Polizei den Stinkefinger. Die Menge jubelt. Stolz widersteht er
dem nächsten Strahl. Erst als ein zweiter Wasserwerfer ihn anvisiert und
gleichzeitig den Druck der beiden gebündelten Wassersäulen, auf seinen Körper
prallen, wird er weggeschleudert. Die Rotfront setzt nochmals zum Sturmangriff
an.
Da die heikle Straßenschlacht immer noch anhält ziehe ich mich zurück,
bevor die Polizei den Platz gewalttätig stürmt und alle Übriggebliebenen für
extreme Gewalttäter hält und festnimmt. Ein Fußweg durch eine heruntergekommene
Wohnwagensiedlung ermöglicht mir der Gefahr zu entkommen. Plötzlich erblicke ich
wieder mehrere Hundert Polizisten, Räumungspanzer und Wasserwerfer. Dieses Mal
jedoch richtet sich die Attacke nicht gegen mich. Hinter einer Absperrung
stehend, kann ich einen Wasserwerfer in Aktion beobachten. Da ich sehr nahe
herangekommen bin, sehe ich sogar einen braungebrannten Beamten hinter der
Panoramascheibe, der einem Jugendlichen beim Computerspielen gleicht.
Bald
werde ich von Uniformierten mit bayrischem Akzent vertrieben. Ich werde in eine
Straße gedrängt, wo ich mich noch rechtzeitig im engen Eingang eines türkischen
Imbisses verschanzen kann, bevor ein Pflastersteinhagel auf mich
einschlägt.
Sobald sich die angespannte Situation wieder entspannt, lößt sich
das Gedränge im Dönerladen wieder. Doch bald quetschen wir uns wieder in den
Imbiß, weil die Polizeiwand nach vorne stößt. Massive Steinwürfe stoppen die
Offensive. Genau vor der Imbißtür knien sich die Ordnungshüter zu Boden und
verstecken sich hinter ihren Schutzschildern.
Noch immer bin ich bemüht aus dem brutalen
Irrgarten zu fliehen. Ich habe heute genug gesehen und damit ausreichend viele
Eindrücke und Gedanken in mein Gedächtnis aufnehmen können, die nun erst
geordnet und verarbeitet werden müssen. Ein Gefühl zwischen Ekel, Abscheu und
Faszination macht sich in mir breit.
Den geeigneten Augenblick abpassend, da
weder die Polizei noch Linke einen Angriff starten, verlasse ich meinen sicheren
Unterschlupf. Nicht lange gelingt es mir, mich frei zu bewegen. Uniformierte
versperren mir den Weg. Nun ist weder ein Vorwärts- noch ein Rückwärtslaufen
möglich. Die Kreuzung auf der ich mich befinde ist von allen vier
Himmelsrichtungen abgeriegelt und damit ist aus dem sogenannten Polizeikessel
kein Entkommen mehr möglich. Nach einem einstündigen Freiheitsentzug macht die
Polizisten den Kessel zu einer Seite auf und läßt die gefangenen Menschen
hinausströmen.
Glücklicherweise kann ich der heiklen Situation, ohne Angaben
zu meiner Person machen zu müssen, entkommen. Nachdem ich durch mehrere
Polizeiabsperrungen gedrungen bin und ich mich weit genug vom Brandherd entfernt
habe, drehe ich mich nochmals um und betrachte den dunkel-violetten Himmel über
Kreuzberg und frage mich nach dem Sinn und Zweck der ganzen Demonstration. Was
geht in den Köpfen der Demonstranten vor? Ist es das Nachtrauern der früheren
Studentenbewegungen oder ein verzweifelter Versuch etwas an der Gesellschaft zu
ändern? Vielleicht ist es ja nur eine Übungsschlacht für die politisch
motivierten Globalisierungsgegner, die sich Erfahrung im Straßenkampf aneignen
um anschließend zu tausenden den EU-Gipfel in Göteburg oder den G-8-Gipfel in
Genua zu stören.
Die Fragen bleiben offen.